Jetzt ist teuer eben normal

Wenn beim Tanken nicht nur das Auto, sondern gleich auch die staatliche Kasse vollgemacht wird.Geplant, gepuffert, geschluckt

Eigentlich will ich hier gar nicht ständig politisch werden. Wenn man aber einen Blick auf die Dinge des Alltags wirft, kann man schlecht schweigen, während einem die eigene Existenz und Stück für Stück auch das eigene Heimatland unter dem Arsch weggezogen werden. Mit einem Grinsen im Gesicht und vollen Taschen bei denen, die dabei zuverlässig mitkassieren, versteht sich.

Bei mir beginnt dieser Alltag morgens im Auto. Auf dem Weg zur Arbeit fahre ich täglich an mehreren Tankstellen vorbei und kenne deren Preistafeln inzwischen vermutlich besser, als mir lieb sein kann.

Seit einiger Zeit fällt mir dabei etwas auf. Die Preise sind erstaunlich ruhig geworden. Nicht günstig, nicht erträglich, einfach stabil teuer. Mal geht es einen Cent hoch, mal einen runter, doch die Zwei vor dem Komma steht inzwischen da, als hätte sie schon immer dorthin gehört.

Bis ihr euch daran gewöhnt habt

Im Mai hatte ich unter „Die gnädige Entlastung“ darüber geschrieben, wie erst eine neue Schmerzgrenze geschaffen und anschließend ein kleiner Teil davon als große Hilfe verkauft wird.

Nach dem Ende der befristeten Energiesteuersenkung folgte „Die Gewöhnung hat funktioniert“. Der Rabatt war weg, der Preis wieder deutlich über zwei Euro und der große Aufschrei blieb trotzdem aus. Inzwischen wirkt das Ganze auf mich wie ein ziemlich einfacher Ablauf.

Erst wird der Preis auf ein Niveau gehoben, bei dem die Menschen verständlicherweise sauer werden. Dann kommt eine befristete Entlastung, gerade groß genug, um den größten Ärger abzufangen. Natürlich nicht zurück auf ein vernünftiges Niveau, sondern nur weit genug herunter, damit sich das neue Teuer plötzlich etwas weniger schlimm anfühlt.

Nach zwei Monaten fällt diese Entlastung wieder weg. Der Preis springt zurück, die Menschen schimpfen kurz und fahren am nächsten Morgen trotzdem zur Arbeit. Was sollen sie auch sonst tun?

Geplant, umgesetzt, das kalkulierte Risiko mit einem Rabatt auf Zeit gepuffert. Jetzt haben sie es zu akzeptieren.

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Nicht bekommen ist nicht weggenommen

Ein Auto mit Geldbörse auf dem Beifahrersitz, während gierige Augen und krallenartige Hände nach dem Geld spähen.Wenn weniger kassieren plötzlich etwas kostet

Da hat in einem Facebook-Kommentar doch tatsächlich jemand der Aussage einer Politikerin zugestimmt, die zeitweise Senkung der Energiesteuer habe den Staat Milliarden gekostet. Stopp.

Gekostet?

Der Staat senkte die Energiesteuer auf Benzin und Diesel vom 1. Mai bis 30. Juni 2026 um 14,04 Cent pro Liter. Weil dadurch ebenfalls weniger Umsatzsteuer anfiel, sollten an der Zapfsäule rund 17 Cent pro Liter ankommen.

Im Gesetzentwurf waren dafür Steuermindereinnahmen von 1,6 Milliarden Euro angesetzt. Steuermindereinnahmen, nicht Ausgaben!

Nicht kassiert ist nicht ausgegeben

Angenommen, ich möchte eine Gitarre für 1.000 Euro verkaufen und bekomme am Ende nur 900 Euro dafür. Dann habe ich 100 Euro weniger eingenommen als erhofft. Vielleicht passt meine Planung nicht mehr und vielleicht ärgert mich das sogar gewaltig, der Verkauf hat mich aber keine 100 Euro gekostet.

Ich habe dem Käufer schließlich keine 100 Euro aus meiner Tasche gegeben. Ich habe sie nur nicht bekommen.

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Die Gewöhnung hat funktioniert

Jetzt gehorche endlich!Entlastet wurde nur ihre Schmerzgrenze

Im Mai schrieb ich hier über die gnädige Entlastung, über Spritpreise knapp unter zwei Euro, künstlich verschobene Schmerzgrenzen und ein Spiel, bei dem man die Menschen erst auspresst, danach ein paar Cent zurückgibt und sich dafür auch noch als Retter feiern lässt.

Damals nannte ich das keine Hilfe, sondern Dressur an der Zapfsäule. Inzwischen muss ich mich korrigieren, nicht weil ich mit meiner Einschätzung falschlag, sondern weil die Sache noch ein gutes Stück widerlicher geworden ist, denn die Dressur war erfolgreich.

Die neue Normalität

Der sogenannte Tankrabatt galt für Mai und Juni, bis zu 17 Cent pro Liter sollte er ausmachen, danach war Schluss. Nicht, weil das Problem gelöst gewesen wäre oder die Preise dauerhaft gefallen wären, sondern weil die Entlastung eben beendet wurde.

So nennt man das heute, nicht die Belastung wird beendet, sondern die Entlastung, während die Preise wieder deutlich über zwei Euro liegen und ein erheblicher Teil der Bevölkerung inzwischen offenbar froh sein soll, wenn die Zapfsäule nicht gleich mit dem Grundbuch bezahlt werden möchte.

Natürlich ist der Ölpreis gestiegen, natürlich spielen der Krieg im Iran, die Angriffe der USA und die Lage an der Straße von Hormus eine Rolle. Das bestreitet niemand, der noch halbwegs geradeaus denken kann, nur sitzt der Staat eben nicht hilflos neben der Zapfsäule, schaut betroffen auf die Zahlen und kann leider überhaupt nichts machen.

Er bestimmt einen erheblichen Teil des Preises selbst, kassiert auf jeden Liter zuverlässig mit und entscheidet, wann eine Entlastung beginnt, wann sie wieder endet und ab welchem Moment die Menschen gefälligst gelernt haben sollen, mit der neuen Lage zu leben.

Damit sollen sie eben leben

Besonders abstoßend ist inzwischen nicht einmal mehr nur der Preis, sondern die offen gelebte Verachtung gegenüber den Nöten der Menschen. Neue Entlastungen seien nicht notwendig, mit den Schwankungen werde man noch eine Weile leben müssen, heißt es sinngemäß aus der Bundesregierung.

Das sagt sich vermutlich recht entspannt, wenn der Dienstwagen nicht mit dem eigenen Nettolohn betankt werden muss, der Arbeitsplatz nicht 30 Kilometer entfernt liegt und die nächste Rechnung ohnehin nur als Zahl durch irgendeine Verwaltung wandert.

Wobei auch der Firmenwagen keine Freikarte ist, denn wen die Kosten nicht direkt an der Zapfsäule treffen, den erwischen sie eben aus der zweiten Reihe, möglicherweise sogar mit dem dickeren Geschoss, wenn der Arbeitgeber die immer aberwitzigeren Ausgaben irgendwann nicht mehr stemmen kann und plötzlich gleich der ganze Arbeitsplatz wackelt.

Für viele Menschen sind Spritpreise kein Luxusproblem und auch keine Frage, ob am Sonntag noch eine kleine Spaßrunde mit dem Cabrio möglich ist. Sie müssen zur Arbeit, Kinder fahren, Angehörige versorgen, einkaufen oder schlicht ihren Alltag bewältigen, weil Bus und Bahn außerhalb der großen Städte nun einmal nicht auf Zuruf vor der Haustür stehen.

Darauf mit einem sinngemäßen „Damit müsst ihr leben“ zu reagieren, ist keine nüchterne Sachpolitik mehr, sondern der ziemlich unverhohlene Hinweis darauf, wie weit sich Regierung und Realität inzwischen voneinander entfernt haben.

Am eigenen Stuhl gesägt

Natürlich gibt es auch genug Leute, die diese Art von Volksverwaltung beklatschen, vermutlich weil sie selbst wirtschaftlich noch halbwegs gut durchkommen und deshalb glauben, der ganze Irrsinn betreffe immer nur die anderen.

Das ist ein hübscher Irrtum, denn der eigene Wohlstand fällt nicht morgens fertig verpackt vom Himmel. Er hängt an Menschen, die zur Arbeit fahren, Waren transportieren, Häuser bauen, Maschinen warten, Läden öffnen, Betriebe führen, Pakete bringen, Büros reinigen und all die Dinge tun, die gewöhnlich erst dann auffallen, wenn sie plötzlich niemand mehr bezahlen oder erledigen kann.

Wer diese Menschen immer weiter belastet, sägt nicht nur an deren Existenz, sondern an der kompletten Verkettung, die den eigenen Wohlstand überhaupt erst möglich macht. Steigende Fahrtkosten verschwinden nicht einfach, sie landen in Preisen, Löhnen, Dienstleistungen, Lieferkosten, Betriebsausgaben und irgendwann bei jedem Einzelnen.

Manche trifft es sofort, andere etwas später, weil auf dem Konto noch mehr Luft ist und die eigene Lebensweise eine Weile als Puffer funktioniert. Der Aufprall kommt dann nur aus größerer Höhe.

Erfolgreich entlastet

Die Spritpreise liegen wieder über zwei Euro, die befristete Hilfe ist verschwunden und die Regierung erklärt, weitere Maßnahmen seien nicht notwendig. Die große Empörung bleibt trotzdem aus, denn was vor wenigen Monaten noch für Schnappatmung sorgte, wird inzwischen behandelt wie schlechtes Wetter, unangenehm zwar, aber angeblich nicht zu ändern.

Viele haben sich daran gewöhnt, genau das war der Sinn der Übung.

Und wer jetzt einfach daherlabert, dass die Regierung nichts für den Kraftstoffpreis kann, der sollte mal schauen, welcher Schwachsinn da mitfinanziert wird.

 

 

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Die gnädige Entlastung

Betrachtet aus dem Desasterkreis: Erst auspressen, dann warten, bis sie es fressen, nett verbogen mit der KI ;-)Erst auspressen, dann fürs Nachlassen feiern lassen

An der Tankstelle steht der Spritpreis wieder so nah an zwei Euro, dass man die Zwei schon mit bloßem Auge schwitzen sieht. Offiziell ist natürlich alles noch im Rahmen, denn 1,99 Euro sind ja keine zwei Euro, da fehlt schließlich ein ganzer Cent, und dieser eine Cent scheint in diesem Land inzwischen als psychologische Brandschutzmauer zwischen „Was soll der Mist?“ und „Na ja, immerhin nicht drüber“ zu gelten, genau so funktioniert dieses Spiel.

Erst wird die neue Schmerzgrenze gesetzt, dann wartet man, bis genug Leute müde geworden sind, danach gibt es gnädig ein bisschen Entlastung, nicht zurück auf normal, nicht zurück auf erträglich, sondern nur so weit zurück, dass der neue Wahnsinn als kleinere Zumutung durchgeht. Das ist keine Hilfe, das ist Dressur (auch) an der Zapfsäule.

Der Bürger als Gewöhnungstier

Natürlich liegt der Spritpreis nicht nur am Staat. Rohöl, Raffinerien, Konflikte, Märkte, Transport, all das gibt es. Geschenkt. Nur steht der Staat bei diesem Spiel nicht als trauriger Zuschauer daneben und hält betroffen ein Taschentuch hoch, er kassiert mit, und zwar ziemlich zuverlässig.

Energiesteuer, CO2-Abgabe, Mehrwertsteuer auf das ganze Paket, da wird nicht nur Kraftstoff verkauft, da wird jeder Liter zur kleinen mobilen Abgabestelle. Man fährt nicht einfach zur Arbeit, man finanziert unterwegs die nächste politische Selbstverwirklichung mit, und wenn es dann knallt, kommt die große Entlastung, natürlich befristet, natürlich mit ernster Stimme, natürlich so verkauft, als hätte gerade jemand persönlich den Tresor aufgebrochen, um dem einfachen Mann zu helfen.

In Wahrheit hat man ihm vorher nur genug aus der Tasche gezogen, um ihm danach ein paar Münzen wieder reinzuwerfen. Mit warmem  Hundeblick, schließlich ist man ja vertrauenswürdig und verständnisvoll.

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