Wenn Berichte seriöse Fakten schaffen
Es ist so, Du brauchst nicht selber denken!
Eigentlich wollte ich den MDR-Beitrag zum Drohnenvorfall in Leipzig/Halle nur noch einmal querlesen. Über den eigentlichen Vorfall habe ich mich schließlich schon in Glaube an Drohnen, Gefahr und Helden? ausgelassen.
Weit kam ich allerdings nicht, denn schon oben blieb ich hängen:
„Was wir über den Drohnenvorfall am Flughafen Leipzig/Halle wissen“
Was wir wissen!
Bei solchen Überschriften funktioniert mein Kopf inzwischen etwas anders, als es vermutlich vorgesehen ist. Mein erster Gedanke lautet tatsächlich: Okay, was soll vertuscht werden? Klingt die Sache nicht danach, schaltet mein Filter direkt eine Stufe weiter: Okay, welcher neue Gehorsam wird von mir erwartet?
Das war es eigentlich schon. Mehr brauche ich inzwischen gar nicht, damit aus vermeintlicher Gewissheit bei mir erst einmal ein Fragezeichen wird.
Wissen ist schon ein ziemlich großes Wort
Natürlich kann das alles stimmen, was dort steht. Darum geht es mir nicht einmal. Mich stört dieser Anspruch, aus dem aktuellen Stand einer Berichterstattung gleich etwas zu machen, das „wir wissen“.
Auf der Seite finden sich Angaben aus Sicherheitskreisen, vertrauliche Behördenunterlagen, Aussagen von Politikern, Einschätzungen von Experten, Informationen von Verfassungsschutz, Polizei und Bundesanwaltschaft sowie Berichte anderer Medien. Völlig normal für einen Nachrichtenbeitrag, nur ist das für mich eben zunächst genau das: ein Nachrichtenbeitrag auf Grundlage dieser Quellen.
Was davon weiß der MDR selbst?
Was davon weiß der Zuschauer?
Wir wissen, dass jemand gesagt hat, dass etwas so gewesen sein soll. Wir wissen vielleicht auch, dass mehrere Stellen dieselbe Information weitergegeben haben. Ob wir damit automatisch wissen, was tatsächlich passiert ist, steht für mich auf einem ganz anderen Blatt.
Genau dieser kleine Unterschied scheint mir inzwischen gerne verloren zu gehen.
Wenn sich der Kreis selbst bestätigt
Besonders interessant wird es, wenn aus einer ursprünglichen Information plötzlich eine ganze Wand vermeintlicher Bestätigungen entsteht. Eine Behörde gibt etwas bekannt, mehrere Medien berichten darüber, Politiker reagieren auf diese Berichte und Experten erklären anschließend, wie das Geschehen einzuordnen ist.
Andere Medien berichten wiederum über die Aussagen der Politiker und Experten. Wer danach sucht, findet jede Menge Treffer und bekommt schnell den Eindruck, hier würden sich zahlreiche unabhängige Quellen gegenseitig bestätigen.
Wenn sie am Ende alle auf derselben ursprünglichen Information beruhen, sind zehn Meldungen aber noch lange keine zehn Beweise. Dann habe ich im Zweifel eine Information in zehn verschiedenen Verpackungen.
Öffentliche Medien können auf diese Weise wunderbar mit öffentlichen Stellen und anderen öffentlichen Medien einen hübschen Kreis bilden. Jeder verweist auf jeden, jeder bestätigt irgendetwas und irgendwann gilt das Ergebnis als gesichertes Wissen.
Das kann vollkommen richtig sein. Eine selbsterfüllende Faktenbestätigung macht mich trotzdem nicht automatisch vertrauensseliger.
Unübersichtlich? Dann nehmt doch uns
Fast schon passend zu meinem Gedanken wird es direkt auf derselben MDR-Seite. Dort wird die Nachrichtenlage als unübersichtlich bezeichnet und gleich die Lösung mitgeliefert: MDR.de lässt sich bei Google als bevorzugte Quelle festlegen.
Ich musste grinsen.
Die Nachrichtenlage ist unübersichtlich, also nehmt am besten uns. Wir erklären euch schließlich gerade, was wir wissen und können euch künftig bevorzugt erklären, was ihr wissen solltet.
Natürlich steht das dort nicht so. Bei mir kommt es inzwischen nur genau so an.
Vielleicht liegt das Problem also gar nicht ausschließlich beim Leser, wenn der irgendwann misstrauisch wird. Wer sich selbst zum besonders vertrauenswürdigen Lotsen durch eine angeblich unübersichtliche Informationswelt erklärt, sollte zumindest damit leben können, wenn jemand fragt, wer eigentlich den Lotsen kontrolliert.
Mein Kopf darf das noch selbst sortieren
Ich liebe in diesem Zusammenhang einen Satz:
„Wer Zeitung liest, weiß nicht, was in der Realität geschieht, er weiß nur, was in genau seiner Zeitung steht.“
Das trifft meinen Punkt ziemlich gut. Medien bilden keine komplette Realität ab, sie zeigen einen Ausschnitt davon. Jemand entscheidet, welche Meldung wichtig ist, welche Aussage in die Überschrift kommt, welcher Experte gefragt wird und welche Information weiter unten oder überhaupt nicht auftaucht.
Das bedeutet nicht automatisch Manipulation und schon gar nicht, dass deshalb alles falsch ist. Es bedeutet lediglich, dass ich einen Bericht lese und nicht durch ein magisches Fenster direkt auf die vollständige Wirklichkeit schaue.
Genau deshalb nervt mich dieses selbstbewusste „Was wir wissen“ inzwischen so sehr. Schreibt doch, was bekannt ist, was Behörden sagen, was bestätigt wurde und wo noch Fragen offen sind. Damit kann ich etwas anfangen.
Was ich daraus am Ende für Wissen halte, sortiert mein Kopf dann schon selbst.
Schallwellen sind noch keine Beweise
Wer weiterhin brav an den Lippen der Schallwellen verursachenden Moderatoren bei ZDF, ARD und Co. hängt und alles eins zu eins glaubt, darf das selbstverständlich tun. Ich habe überhaupt kein Problem damit, solange daraus nicht der Anspruch entsteht, ich müsse dasselbe glauben.
„Das kam im Fernsehen“ ist für mich kein Beleg. Wenn dieselbe Geschichte am Abend im Heute-Journal und am nächsten Morgen noch einmal in der Tagesschau erzählt wird, wurde sie zweimal gesendet, nicht zweimal bewiesen.
Genauso wenig werden aus fünf Medien automatisch fünf unabhängige Quellen. Dafür müsste ich erst einmal wissen, woher diese fünf ihre Informationen haben.
Das ist keine Verschwörungstheorie, sondern eigentlich nur ziemlich banales Nachdenken.
Der Blick über den deutschen Tellerrand
Ein Allheilmittel ist das natürlich auch nicht, aber gelegentlich lohnt sich der Blick in ausländische Medien. Nicht weil dort automatisch die Wahrheit wohnt oder Journalisten außerhalb Deutschlands plötzlich frei von Interessen, Fehlern und Meinungen wären.
Interessant sind die Unterschiede.
Dieselbe Geschichte wird plötzlich anders gewichtet, andere Details stehen weiter oben, manches spielt überhaupt keine Rolle und an anderer Stelle tauchen Fragen auf, die in deutschen Berichten kaum vorkommen. Manchmal merkt man erst durch diesen Vergleich, wie stark bereits die Auswahl einer Meldung beeinflusst, welches Bild davon im Kopf entsteht.
Ich suche dort deshalb auch nicht nach der nächsten Wahrheit, die besser zu meiner Meinung passt. Mir reicht schon die Erinnerung daran, dass eine deutsche Nachrichtensendung nicht automatisch das amtliche Protokoll der Realität ist.
Sagt mir, was ihr habt
Mein Problem ist nicht, dass Medien berichten. Genau dafür sind sie da. Mein Problem beginnt dort, wo aus Berichterstattung gefühlt die einzig zulässige Wirklichkeit wird und Zweifel daran bereits verdächtig wirken.
Sagt mir, welche Informationen vorliegen, wer sie geliefert hat und was davon tatsächlich belegt ist. Sagt ruhig auch, welche Fragen noch offen sind und wo ihr selbst nur wiedergebt, was andere behaupten.
Damit kann ich hervorragend leben.
Nur sagt mir bitte nicht, was „wir wissen“, wenn ihr eigentlich meint, was ihr derzeit berichtet.
Was ich gefälligst zu wissen habe, entscheide ich nach dem Lesen lieber immer noch selbst.
„ein Nachrichtenbeitrag auf Grundlage dieser Quellen.“
Wie oft habe ich schon gesehen, das die angebliche Quelle das gar nicht hergibt, sogar das Gegenteil sagt. Die Quelle ist angegeben, nicht zwangsläufig eine Grundlage.
Vor vielleicht 15, 20 Jahren gab es im Deutschlandfunk einen Beitrag zur Medienkompetenz von Schülern, wie üblich garniert mit O-Tönen. Ein 16jähriges Mädchen sagte, sie finde Wikipedia so gut, weil dort immer Quellen angegeben seien.
…
Note 6, setzen, nichts verstanden.
…
Quellen könnten relevant sein, wenn sie verschiedene Richtungen repräsentierten. Nur dann, Konjunktiv.
„Medien bilden keine komplette Realität ab, sie zeigen einen Ausschnitt davon.“
Letzteres nimmst du nur an. Ja, Logik kommt mitunter arrogant daher.
„dieses selbstbewusste „Was wir wissen““
Interessant, wie koordiniert scheinend das plötzlich auftaucht, oder.
Für mich sagen mir Nachrichten nur, das etwas passiert.
Was passiert, hole ich mir lieber aus Herleitungen, aus Argumentationen. Dauert länger, ist komplizierter, erfordert Nachdenken. Aber es gibt Leute, die gut erläutern können, warum B aus A folgt und C aus B, C daher die wahrscheinlichste Erklärung ist. Das meist ausgehend von einfachstem Wissen oder Grundlagen, etwa das die Nordstream-Bomben nicht James-Bond-Mäßig in eine Handtasche passen, deshalb nicht vom Segelboot aus plaziert worden sein können. Oder sich wie im Fall der Drohne eben Zufall an Zufall an Zufall an Zufall reiht = Unzufällig.
„Manchmal merkt man erst durch diesen Vergleich, wie stark bereits die Auswahl einer Meldung beeinflusst, welches Bild davon im Kopf entsteht.“
Man sollte ruhig auch mal System 1 walten lassen (Mustererkennung, kein bewußtes denken).
In einen Fahrrad-Forum setzte jemand den Link auf ein Video. Dieses zeigte, wie in London ein Radfahrer kurz einen Doppeldeckerbusfahrer ärgerte und daraufhin der Busfahrer sein Fahrzeug als Waffe benutzte. Obwohl die Forumsteilnehmer wissen, das Kfz-Führer zu Erziehungsmaßnahmen und Selbstjustiz neigen können, zum Teil aus eigener Anschauung, kam sofort der Tenor „Der Busfahrer ist zwar zu verurteilen, aber der Radfahrer hats ja provoziert.“
Ich hatte ein komisches Gefühl, schwieg.
Zwei Wochen später setzte ich den Link auf die vollständige Version des Videos rein. Es zeigt, das nicht der Radfahrer anfing, sondern der Busfahrer. Reaktion der Tenöre: Keine.
Gefühl, Eindruck ist eine wichtige Geschichte, oft eine gute Anleitung. Wenn System 1 Alarm schlägt, hat das einen Grund, man sollte drauf hören. Leider habe ich genau das nicht drauf, zu oft wirds ungewollt unterdrückt. Und, ja, man kann es trainieren, bzw. Muster bewußt bekannt machen, die Vorstellung des Musters reicht dafür. Das zumindest kann ich bestätigen.
Wahrscheinlich schlug bei dem Video mein System 1 an, weil es zu einem passenden Zeitpunkt begann, nicht zufällig vorher, wie das bei einem Zufall-Video sein müßte. Oder vielleicht war das Handy von Beginn an passend ausgerichtet. Das erkannte ich jedoch eben nicht.
Weil viele Dinge auch vom Moment abhängig sind. Hat der Kopf schon Erfahrungen, wird er diese nutzen, falls nicht, Erklärungen suchen und manchmal sind die leider sehr schnell zu bekommen, bis man zum 2. Mal darüber nachdenkt, vielleich in der Folge auch öfter …