Wenn Überzeugung größer ist als Wissen
Gerade jetzt, in einer Zeit, in der es politisch in Deutschland an ziemlich vielen Ecken qualmt, lese ich in den sozialen Medien Kommentare, bei denen ich mich ernsthaft frage, ob der Verfasser noch alle Latten am Zaun hat.
Da widersprechen sich Aussagen teilweise schon innerhalb weniger Sätze, es werden Zusammenhänge konstruiert, die sich mit etwas logischem Denken ziemlich schnell selbst zerlegen, oder Parteien Dinge zugeschrieben, die so weder im Programm stehen noch jemals gefordert wurden.
Trotzdem wird das Ganze mit einer Sicherheit in die Tastatur gehämmert, als hätte man die entsprechenden Parteiprogramme persönlich mitgeschrieben.
Natürlich kann jeder eine politische Meinung haben, auch eine völlig andere als ich. Darum geht es überhaupt nicht. Interessant wird es für mich an dem Punkt, an dem aus Meinung angebliches Wissen wird und dieses vermeintliche Wissen anschließend noch dazu benutzt wird, anderen zu erklären, sie hätten keine Ahnung.
Genau deshalb habe ich mich gefragt, wie viel die Menschen eigentlich tatsächlich über die Parteien wissen, die sie wählen, verteidigen oder verteufeln. Da wird es ziemlich schnell interessant.
Ich will schon wissen, was ich wähle
Ich lese die Programme der Parteien, die für mich infrage kommen, ziemlich aufmerksam. Gerade bei denen, bei denen ich noch zweifle, sogar besonders genau, denn wie soll ich mich entscheiden, wenn ich nicht weiß, wofür ich mich da eigentlich entscheide?
Dabei muss natürlich niemand vor einer Wahl jedes Programm komplett auswendig lernen. Wer sich aber bei wichtigen Themen eine Meinung über eine Partei bildet, sollte zumindest einmal nachgesehen haben, was diese Partei dazu tatsächlich selbst schreibt.
Offenbar ist schon dieser Kontakt mit den Programmen nicht selbstverständlich. Die Universität Hohenheim hat gemeinsam mit forsa 2021 insgesamt 3.874 Menschen in Baden-Württemberg repräsentativ befragt. Nur 40 Prozent gaben an, im Wahlkampf überhaupt in irgendeiner Form mit Wahlprogrammen in Kontakt gekommen zu sein. Wahlplakate erreichten dagegen 68 Prozent, Flugblätter, Handzettel und Broschüren 61 Prozent. Dabei bedeutet Kontakt mit einem Wahlprogramm natürlich noch lange nicht, dass es auch vollständig gelesen wurde, aber in den Zahlen steckt schon eine Menge drin.
Selbst innerhalb der Parteien sieht es erstaunlich übersichtlich aus. Bei einer älteren Online-Befragung der Universität Hohenheim unter 828 baden-württembergischen Parteimitgliedern hatten fast 50 Prozent die Kurzfassung des eigenen Wahlprogramms vollständig gelesen. Bei der Langfassung waren es gerade einmal 16 Prozent, zwölf Prozent hatten diese nicht einmal auszugsweise gelesen. Die Untersuchung stammt aus dem Jahr 2010 und ist keine repräsentative Bevölkerungsumfrage, als kleiner Realitätscheck finde ich sie trotzdem interessant.
Kann man machen. Man sollte anschließend vielleicht nur nicht auftreten, als hätte man Kapitel sieben persönlich formuliert.
Gelesen ist allerdings noch nicht verstanden
Noch spannender finde ich deshalb Untersuchungen, die gar nicht danach fragen, ob irgendwo ein Wahlprogramm auf dem Küchentisch lag, sondern ob Menschen die tatsächlichen Positionen der Parteien kennen.
Eine Auswertung auf Basis der German Longitudinal Election Study untersuchte genau das. 2013 erfüllten nur ungefähr 25 Prozent der Befragten die Kriterien dafür, die deutschen Parteien auf der Achse zwischen Steuern und Sozialausgaben korrekt einzuordnen. Beim Thema Migration waren es 2017 sogar nur ungefähr 18 Prozent. Die entsprechende wissenschaftliche Auswertung von Sascha Huber und Anne Schäfer ist hier nachzulesen.
Das bedeutet ausdrücklich nicht, dass 75 oder 82 Prozent der Wähler zu dumm zum Wählen sind, so lässt sich die Untersuchung nicht wirklich lesen.
Sie zeigt aber ziemlich eindrucksvoll, dass zwischen dem, was Parteien tatsächlich vertreten, und dem, was Menschen ihnen zuschreiben, eine erhebliche Lücke liegen kann.
Einfach machen es die Parteien allerdings auch nicht
Ein bisschen Gegenfeuer haben die Parteien selbst verdient. Wer möchte, dass Menschen Programme lesen und verstehen, könnte auf die verrückte Idee kommen, sie auch entsprechend zu schreiben. Es drängt sich zudem der Gedanke auf, dass möglichst schwammige Aussagen bei einem eventuellen Wahlsieg ja auch einen gewissen Spielraum ermöglichen, das einzuhalten, was da verkündet wurde.
Die Universität Hohenheim untersucht seit Jahren die Verständlichkeit von Wahlprogrammen. Zur Bundestagswahl 2025 erreichten die Programme auf einer Skala von 0 bis 20 im Durchschnitt gerade einmal 7,3 Punkte. Das war zwar besser als 2021 mit 5,6 Punkten, trotzdem waren die Programme laut Universität weiterhin teilweise schwer verständlich. Im Schnitt umfassten sie außerdem rund 25.500 Wörter. Der Wahlprogramm-Check der Universität Hohenheim nennt dafür unter anderem Fachbegriffe, Fremdwörter, Nominalisierungen und Bandwurmsätze als Hürden.
Politische Bildung wird damit natürlich nicht unbedingt zum gemütlichen Feierabendprogramm und wenn man vielleicht mal an die Ergebnisse der Pisa-Studien denkt, wird das für kommende Generationen noch spannend werden.
Das erklärt auch, warum viele Menschen lieber Zusammenfassungen, Wahl-O-Mat, Interviews oder andere Informationsquellen benutzen. Dagegen ist erst einmal überhaupt nichts einzuwenden, es erklärt nur nicht, warum aus einer solchen Zusammenfassung plötzlich unumstößliche Gewissheit werden muss.
Keine Ahnung zu haben ist gar nicht schlimm
Ich weiß ebenfalls nicht zu jedem politischen Thema genug, um mich qualifiziert dazu zu äußern. Der Unterschied ist ziemlich banal, dann behaupte ich auch nicht, es besser zu wissen.
„Weiß ich nicht“, „habe ich noch nicht gelesen“ oder „müsste ich nachsehen“ sind völlig brauchbare Antworten, durch die niemand seine Wahlberechtigung verliert oder spontan fünfzig Punkte beim Intelligenzquotienten einbüßt.
Problematisch wird es erst, wenn aus Nichtwissen eine Behauptung wird und diese anschließend möglichst laut als Tatsache verbreitet wird. Besonders schräg finde ich es, wenn jemand unter einem Beitrag auftaucht, dessen Autor Quellen gelesen, Zahlen geprüft oder Parteiprogramme verglichen hat, und ihm erklärt, dass alles falsch sei, ohne selbst auch nur nachgesehen zu haben.
Noch schöner wird es, wenn anschließend erwartet wird, dass genau dieser Mensch nun auch noch die Grundlagen für den eigenen Widerspruch zusammensucht.
Darüber hatte ich mich in „Quelle? Beweis? Sonst noch was?“ schon einmal ausgelassen. Fragen darf jeder, Zweifel ebenfalls, daraus entsteht aber keine Verpflichtung für andere, einem erst einmal das Wissen nachzuliefern, das vor dem eigenen Kommentar offenbar noch gefehlt hat.
Andere Menschen sind nicht für eure politische Bildung zuständig.
Wer etwas nicht weiß, kann nachsehen. Wer einer Aussage widersprechen möchte, kann recherchieren. Wer behauptet, eine Partei wolle etwas ganz Bestimmtes, kann sogar auf die geradezu revolutionäre Idee kommen, zuerst im Programm dieser Partei nachzusehen.
Das Internet funktioniert schließlich in beide Richtungen. Man kann darin nicht nur kommentieren, sondern sogar lesen.
Natürlich kann auch derjenige falschliegen, der recherchiert hat. Quellen können falsch verstanden werden, Zahlen brauchen Zusammenhang und auch Parteiprogramme können sich ändern. Darüber lässt sich wunderbar diskutieren, dann aber bitte mit etwas mehr als dem politischen Äquivalent von „Mein Schwager hat gesagt“.
Wählt, was ihr wollt
Mir geht es überhaupt nicht darum, an welcher Stelle ihr auf einem Wahlzettel euer Kreuz setzt. Links, rechts, Mitte oder irgendwo dort, wo inzwischen ohnehin jeder dem anderen erklärt, dass er eigentlich ganz woanders steht.
Das ist eure Sache.
Wer wählt, sollte allerdings wenigstens wissen, was er wählt und warum. Wer anschließend öffentlich anderen erklärt, was eine Partei angeblich will oder nicht will, sollte vielleicht vorher nachsehen, ob das tatsächlich stimmt.
Wo ihr euch politisch einordnet, ist eure Sache.
Nur macht aus fehlendem Wissen bitte keine Gegenmeinung zu belegbaren Fakten und schon gar keinen Grund, auf diejenigen einzuschlagen, die sich vorher die Mühe gemacht haben, nachzusehen.
Mein Senf:
Wenn man nicht bereit ist, sich wirklich mit einem Thema zu beschäftigen, bleibt am Ende unglaublich viel Meinung bei erstaunlich wenig Wissen. Ich würde mich damit unwohl fühlen.