Geplant, gepuffert, geschluckt
Eigentlich will ich hier gar nicht ständig politisch werden. Wenn man aber einen Blick auf die Dinge des Alltags wirft, kann man schlecht schweigen, während einem die eigene Existenz und Stück für Stück auch das eigene Heimatland unter dem Arsch weggezogen werden. Mit einem Grinsen im Gesicht und vollen Taschen bei denen, die dabei zuverlässig mitkassieren, versteht sich.
Bei mir beginnt dieser Alltag morgens im Auto. Auf dem Weg zur Arbeit fahre ich täglich an mehreren Tankstellen vorbei und kenne deren Preistafeln inzwischen vermutlich besser, als mir lieb sein kann.
Seit einiger Zeit fällt mir dabei etwas auf. Die Preise sind erstaunlich ruhig geworden. Nicht günstig, nicht erträglich, einfach stabil teuer. Mal geht es einen Cent hoch, mal einen runter, doch die Zwei vor dem Komma steht inzwischen da, als hätte sie schon immer dorthin gehört.
Bis ihr euch daran gewöhnt habt
Im Mai hatte ich unter „Die gnädige Entlastung“ darüber geschrieben, wie erst eine neue Schmerzgrenze geschaffen und anschließend ein kleiner Teil davon als große Hilfe verkauft wird.
Nach dem Ende der befristeten Energiesteuersenkung folgte „Die Gewöhnung hat funktioniert“. Der Rabatt war weg, der Preis wieder deutlich über zwei Euro und der große Aufschrei blieb trotzdem aus. Inzwischen wirkt das Ganze auf mich wie ein ziemlich einfacher Ablauf.
Erst wird der Preis auf ein Niveau gehoben, bei dem die Menschen verständlicherweise sauer werden. Dann kommt eine befristete Entlastung, gerade groß genug, um den größten Ärger abzufangen. Natürlich nicht zurück auf ein vernünftiges Niveau, sondern nur weit genug herunter, damit sich das neue Teuer plötzlich etwas weniger schlimm anfühlt.
Nach zwei Monaten fällt diese Entlastung wieder weg. Der Preis springt zurück, die Menschen schimpfen kurz und fahren am nächsten Morgen trotzdem zur Arbeit. Was sollen sie auch sonst tun?
Geplant, umgesetzt, das kalkulierte Risiko mit einem Rabatt auf Zeit gepuffert. Jetzt haben sie es zu akzeptieren.
Die Ruhe nach der Entlastung
Meine Strecke durch den Odenwald ist keine Statistik, muss sie aber auch nicht sein. Ich sehe die Preistafeln schließlich jeden Tag.
Zum Monatswechsel lagen die bundesweiten Durchschnittspreise für Super und Diesel gegenüber der Vorwoche nahezu unverändert. Auch auf meiner täglichen Strecke sehe ich seit dem Ende der Entlastung keine großen Sprünge mehr, sondern hauptsächlich dasselbe hohe Niveau.
Die seit April geltende Regel, nach der Tankstellen ihre Preise nur noch einmal täglich um zwölf Uhr erhöhen dürfen, nimmt zusätzlich etwas vom früheren Gezappel aus den Anzeigen. Danach darf nur noch gesenkt werden. Der hohe Preis wirkt dadurch ruhiger und berechenbarer, vor allem aber wirkt er normaler.
Genau das ist aus meiner Sicht der Punkt. Es braucht keine begeisterte Zustimmung. Niemand muss jubelnd an der Zapfsäule stehen und sich über zwei Euro pro Liter freuen. Es reicht vollkommen, wenn die Menschen aufhören, jedes Mal darüber zu reden. Nicht überzeugt, nur müde. Für das Ergebnis spielt das kaum eine Rolle.
Berlin steht nicht nur daneben
Natürlich entsteht der Spritpreis nicht ausschließlich im Kanzleramt. Rohölpreis, Wechselkurs, Raffinerien, Transport, Angebot, Nachfrage und internationale Konflikte spielen eine Rolle. Alles geschenkt.
Der Staat steht dabei aber auch nicht als erschrockener Zuschauer neben der Zapfsäule und murmelt betroffen „Huch, wie schlimm“.
Auf jedem Liter liegen Energiesteuer, CO₂-Abgabe und anschließend Mehrwertsteuer auf das gesamte Paket. Steigt der Nettopreis, wächst auch der Anteil der Mehrwertsteuer automatisch mit. Der Staat legt den vollständigen Preis nicht fest, verdient an einem höheren Preis aber zuverlässig mit.
Im Jahr 2025 lag der Anteil von Steuern und Abgaben laut ADAC im Schnitt bei rund 64 Prozent für Benzin und 56 Prozent für Diesel. Ganz so hilflos und unbeteiligt ist Berlin an der Zapfsäule also nicht.
Für den Rest gibt es die üblichen Erklärbilder im öffentlich-rechtlichen Abendprogramm. Krise hier, Weltmarkt dort, irgendein Konflikt dazwischen und leider könne man gar nichts machen. Das sind reale Einflüsse, nur wird der mitkassierende Staat dabei erstaunlich schnell zum bedrückten Zuschauer umdeklariert.
Selbst die sogenannte Entlastung hat den Staat nichts gekostet. Er hat für zwei Monate weniger eingenommen, nicht Milliarden aus einem Koffer an die Autofahrer verteilt. Genau darum ging es bereits in „Nicht bekommen ist nicht weggenommen“.
Sie haben es gefressen
Vielleicht ist genau das der eigentliche Erfolg. Die Menschen haben den Preis nicht akzeptiert, weil sie ihn vernünftig, gerecht oder alternativlos finden. Sie haben ihn gefressen, weil viele auf das Auto angewiesen sind und ihnen kaum etwas anderes übrig bleibt.
Man muss zur Arbeit, einkaufen, Kinder fahren oder Angehörige versorgen. Gerade auf dem Land ist der öffentliche Nahverkehr oft eher eine theoretische Möglichkeit mit Fahrplan als eine brauchbare Alternative zum Auto.
Also wird getankt und bezahlt.
Aus Sicht derjenigen, die neue Belastungen nur lange genug stehen lassen müssen, bis der Widerstand müde wird, reicht das vollkommen.
Der Sprit musste nicht wieder bezahlbar werden. Die Menschen mussten sich nur lange genug an unbezahlbar gewöhnen.
Geplant, umgesetzt, das kalkulierte Risiko gepuffert. Jetzt haben sie es zu akzeptieren.
Ob sich dieses billige und offensichtliche Spiel allerdings endlos fortsetzen lässt, wird man sehen. Gefühlt wird das Eis in der Bevölkerung dünner. Nur offenbar noch nicht dünn genug.