Wenn mindestens zwei Rehe im Lichtkegel stehen
Vor ein paar Tagen ging es hier um Menschen, die bei jedem Gegenverkehr erst einmal die Bremse testen. Am Mittwochmorgen gegen 5:30 Uhr bekam die Geschichte auf dem Weg zur Arbeit eine ziemlich passende Ergänzung.
Diesmal gab es tatsächlich einen Grund, zu reagieren, nur eben ohne Gegenverkehr.
Landstraße im Odenwald, dunkel, erlaubt sind 100 km/h. Ich war mit ungefähr 60 unterwegs. Nicht, weil ich vorsorglich jedes Gebüsch angebremst hätte, sondern weil Erfahrung, Bauchgefühl und der Gedanke „Hier kann etwas stehen“ offenbar gemeinsam das Richtige geraten hatten. (Die ganze Strecke zur Arbeit ist im Moment mal wieder ein Wildwechsel-Roulette. Von Fuchs bis Reh alles dabei, und wenn die Pause machen, ist es eine chillig schleichende Katze und ja, ich bremse für Tiere!)
Da stand auch etwas. Mindestens zwei Rehe.
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Die Kamera hat keine Schrecksekunde
Wenn ihr das Reel jetzt anschaut, wisst ihr bereits, dass dort Rehe stehen. Der Blick geht sofort an die richtige Stelle und wartet praktisch nur noch darauf, die Tiere zu entdecken.
In der echten Situation schaut niemand ausschließlich auf diesen einen Punkt. Der Blick liegt auf der Straße, wandert in die Spiegel, kurz zum Tacho und wieder nach vorne. Die Rehe standen bereits am Straßenrand, für mich sichtbar wurden sie aber erst, als mein Lichtkegel sie erfasste.
Die Kamera macht die Situation zusätzlich etwas harmloser, als sie tatsächlich war. Durch die Optik wirken die Tiere weiter entfernt. Noch wichtiger ist allerdings, dass die Kamera keine Schrecksekunde kennt. Sie muss nichts erkennen, nichts begreifen und sich nicht innerhalb eines Augenblicks entscheiden. Sie nimmt einfach weiter auf.
Im Video bleibt dafür angenehm viel Zeit. Hinter dem Lenkrad eher nicht.
Gefühlt 50:50 auf vier Beinen
Die entscheidende Frage war nicht, ob dort Rehe stehen. Die waren nun einmal da. Ich wusste nur nicht, was sie als Nächstes tun würden.
Bleiben sie stehen, flüchten sie zurück oder springt eines im dümmsten Moment vor den Kühler? Gefühlt eine 50:50-Chance, obwohl mindestens zwei Tiere beteiligt waren und damit vermutlich noch ein paar Möglichkeiten mehr im Angebot standen.
Rehe blinken leider nicht (Menschen auch eher selten…) und eine zuverlässige Richtungsanzeige gehört ebenfalls nicht zur Serienausstattung.
Ich habe mich in diesem Moment entschieden, deren Schrecksekunde zu nutzen und beherzt auszuweichen, Gas geben und vorbei. Eine Vollbremsung hätte mich nach meiner Einschätzung nicht mehr rechtzeitig vor den Tieren zum Stehen gebracht. Bis dahin wäre längst entschieden gewesen, in welche Richtung sie losspringen.
Ob das bei einer anderen Begegnung ebenfalls richtig wäre, spielt dabei keine Rolle. Es war meine Entscheidung in genau dieser Situation, bei diesem Abstand, dieser Geschwindigkeit und mit mindestens zwei ziemlich unberechenbaren Verkehrsteilnehmern am Straßenrand.
Die wichtigste Entscheidung fiel vorher
Der entscheidende Teil der Geschichte begann schon, bevor ich überhaupt ein Reh sehen konnte.
Auf dieser Straße sind 100 km/h erlaubt. Ich fuhr ungefähr 60, weil es dunkel war, ich die Strecke kenne und dort um diese Uhrzeit mit Wild zu rechnen ist. Nicht hinter jedem Busch, aber durchaus hinter dem nächsten.
100 erlaubt bedeutet schließlich nicht, dass die Zahl unbedingt ausgereizt werden muss. Das Verkehrsschild weiß weder, dass es 5:30 Uhr morgens ist, noch wie dunkel die Straße gerade ist oder was sich am Rand herumtreibt. Ein bisschen Mitdenken bleibt weiterhin Aufgabe des Fahrers.
Mit 100 hätte ich deutlich weniger Zeit und sehr viel weniger Platz gehabt. Ob die Begegnung dann genauso glimpflich ausgegangen wäre, möchte ich weder ausprobieren noch nachträglich ausrechnen.
Die 40 km/h, die ich nicht gefahren bin, waren an diesem Morgen vermutlich die wichtigsten.
Bremsen allein ist noch keine Aufmerksamkeit
Genau darin liegt für mich der Unterschied zur Bremserei bei normalem Gegenverkehr. Vorsorglich auf alles zu reagieren, was sich irgendwie bewegt, ist nicht automatisch vorausschauend. hirnloses Rasen natürlich ebenso wenig.
Das Gegenteil von hirnlosem Rasen ist aber auch kein voreilendes Schleichen. Es ist situationsgerechtes Fahren.
Aufmerksamkeit bedeutet nicht, ständig auf der Bremse zu stehen. Sie bedeutet, mit dem zu rechnen, was an diesem Ort und zu dieser Zeit tatsächlich passieren könnte.
Eine Portion Glück war ebenfalls dabei. Das darf beim Autofahren gerne mitfahren, nur darauf verlassen möchte ich mich nicht.
Ich bin heile, die Rehe sind heile. Für 5:30 Uhr morgens war damit eigentlich schon genug erreicht ![]()








