Der Testlauf in die Taschen
(Vorsicht, länger! Ich könnte meinen Frust noch eine ganze Weile weiter runterschreiben …)
Es ist inzwischen schon fast beleidigend offen geworden, wie hemmungslos an der Leistung der Leute herumgefingert wird. Hier ein höherer Beitrag, dort die nächste Abgabe, an anderer Stelle weniger Entlastung, später ein neuer Vorwand, warum alles leider nötig, alternativlos und natürlich irgendwie gerecht sein soll.
Rente, Krankenkasse, Sprit, Heizung, Strom, am Ende ist es immer dasselbe Muster. Der Staat langt zu, erklärt das zur Verantwortung und erwartet auch noch, dass man den Vorgang für vernünftig hält.
Der Krug geht so lange zum Brunnen, bis er bricht
Genau das ist der Punkt. Nicht die einzelne Maßnahme. Nicht nur die aktuelle Rechnung. Sondern diese offen zur Schau gestellte Selbstverständlichkeit, mit der man sich am Geld der Bürger bedient, um immer größere Baustellen, immer schrägere Prioritäten und immer neue politische Lieblingsprojekte zu finanzieren.
Was früher wenigstens noch vorsichtig kaschiert wurde, läuft heute mit deutlich dünnerer Tarnung. Die Masken sind nicht mehr wirklich dicht, aber offenbar reicht es immer noch.
Richtig interessant wird es dann dort, wo man merkt, dass diese Art des Abkassierens nicht erst gestern erfunden wurde. Das lief schon lange vorher an, nur leiser, vorsichtiger und in kleineren Portionen.
Nicht als offener Griff in die Tasche, sondern als Test. Wie weit kann man gehen, ohne dass der Laden richtig Krach macht. Wie viel lässt sich umlegen, verteuern, umbenennen und moralisch aufladen, bis aus Widerstand bloße Gewöhnung wird.
Tatort Steckdose
Beim Strom kann man diese Entwicklung besonders gut auseinandernehmen. Da wurde früh ausprobiert, wie belastbar dieses Land ist, wenn Kosten nur kompliziert genug verpackt, politisch sauber lackiert und Schritt für Schritt normalisiert werden. Die heutige Lage ist deshalb nicht der Anfang des Problems. Sie ist das Ergebnis eines langen Trainings.
Strom eignet sich dafür fast perfekt. Das Thema ist technisch genug, um viele Leute abzuhängen. Moralisch ist es hübsch lackierbar und politisch lässt es sich mit schönen Worten aufblasen. Also wurde probiert, geschoben, umgelegt, neu benannt und mit jedem Jahr ein Stück weitergedreht.
Das EEG kam schon 2000, der sichtbare Druck auf der Rechnung wurde dann in den Jahren danach immer klarer. 1998 lag der durchschnittliche Haushaltsstrompreis laut BDEW bei 17,11 Cent pro Kilowattstunde, 2024 bei 41,35 Cent. Der staatlich oder regulatorisch geprägte Block aus Steuern, Abgaben und Umlagen stieg im selben Zeitraum von 4,07 auf 11,89 Cent. Schon im Monitoringbericht 2008 der Bundesnetzagentur stand, dass der damalige Preisanstieg nur zu einem kleineren Teil auf den Zubau erneuerbarer Energien zurückging, der größere Teil lag bei Energiebeschaffung und Vertrieb. 2008 war also nicht der Start, aber ein ziemlich brauchbarer Marker dafür, dass der Testlauf sichtbar wurde.
Die eigentliche Frechheit
Es war nie nur eine simple Klimaerzählung, es war ein System aus Aufschlägen, Umlagen und Verschiebebahnhöfen. Für 2024 zerlegt der BDEW den Haushaltsstrompreis in 17,93 Cent für Beschaffung und Vertrieb, 11,2 Cent Netzentgelt und 11,91 Cent für staatliche Preisbestandteile wie Mehrwertsteuer, Stromsteuer, Konzessionsabgabe, KWK, §19-Umlage und Offshore.
2026 liegt der Haushaltsstrompreis laut BDEW zwar niedriger, aber gerade dort sieht man den Trick sehr schön. Die Netzentgelte sinken auch wegen eines Bundeszuschusses, die EEG-Umlage ist seit Juli 2022 zwar auf null gesetzt, die Kosten der Förderung laufen seit 2023 aber aus dem Bundeshaushalt weiter. Bezahlt wird also weiter, nur nicht mehr unter derselben Überschrift.
Parallel lief die politische Dauerbeschallung. Merkel sprach 2013 von sauberer, sicherer und bezahlbarer Energie. Scholz sprach 2023 von sicherer, bezahlbarer und nachhaltiger Energie. Das Muster ist also nicht neu und auch nicht auf eine einzige Regierung beschränkt. Die Vokabeln bleiben hübsch, die Rechnung eher nicht.
Genau so wird Gewöhnung gebaut. Nicht mit einem großen Schlag, sondern mit Jahren aus Versprechen, Appellen und der immer gleichen Behauptung, am Ende werde alles vernünftig, modern und selbstverständlich auch bezahlbar.
Richtig schmutzig wird es bei den Positionen, die kaum jemand sauber auseinanderhält. Die Offshore-Netzumlage ist seit 2013 Teil des Strompreises.
Eingeführt wurde sie wegen möglicher Entschädigungen an Betreiber von Offshore-Windparks bei verspäteter Netzanbindung oder langen Unterbrechungen. Seit 2019 stecken dort zusätzlich auch Kosten für Errichtung und Betrieb der Anbindungsleitungen drin.
Das ist also kein kleines Randdetail, sondern ein weiteres Beispiel dafür, wie sich politische und systemische Kosten bequem auf die Rechnung schieben lassen. Gleichzeitig hat der Bundestag Anfang 2025 die Vergütung bei negativen Preisen für PV-Neuanlagen weitgehend zurückgefahren, weil temporäre Erzeugungsüberschüsse und negative Spotmarktpreise das System belasten. Auch dazu gibt es eine offizielle Zusammenfassung der Bundesregierung.
Anders gesagt: Selbst der Gesetzgeber räumt inzwischen ein, dass der Ausbau nicht automatisch elegant im Netz landet, sondern nachträglich wieder eingefangen werden muss.
Dann kommt der Teil, der einem Übelkeit bereitet
Deutschland war 2024 laut Fraunhofer ISE Nettoimporteur von Strom mit einem Importsaldo von 24,9 TWh. Wichtigstes Importland war Frankreich mit 12,9 TWh. Frankreich deckte 2024 wiederum einen großen Teil seiner Stromerzeugung mit Kernenergie.
Man kann also in Deutschland jahrelang Kernkraft moralisch auf Abstand halten und am Ende trotzdem Strom aus einem Land holen, das genau darauf massiv baut. Das ist kein Beweis für den Untergang des Abendlandes, aber schon ein sehr deutsches Kunststück. Gefährlich ist Atom dann offenbar vor allem auf der eigenen Karte. Hinter der Grenze wirkt derselbe Strom plötzlich deutlich entspannter.
Genau an der Stelle beginnt der eigentliche Trick. Der ganze Umbau wurde nie nur technisch oder wirtschaftlich verkauft, sondern moralisch aufgeladen. Nachhaltigkeit, Klimarettung, CO2, Zukunft, Verantwortung, immer dieselbe Liturgie. Damit ließ sich fast jeder Griff ins Geld sauber lackieren. Wer nach Kosten fragte, hatte angeblich das große Ganze nicht verstanden. Wer an Nutzen, Belastung und Verhältnismäßigkeit zweifelte, stand schnell als Bremser da. So wurde aus einer politischen Entscheidung kein offener Streit mehr, sondern ein Erziehungsprogramm mit Rechnung.
Baue Probleme, die du dann benennen kannst
Darum liegt der Punkt auch nicht darin, ob irgendwo einzelne Effekte benannt werden können. Der Punkt ist, dass auf dem Sockel einer behaupteten Dauergefahr ein System gebaut wurde, mit dem immer neue Belastungen als moralisch überlegen verkauft werden konnten. Nicht, weil der Bürger das alles nüchtern durchgerechnet und gut gefunden hätte, sondern weil man ihm beigebracht hat, Widerspruch als unanständig und Zahlen als Nebensache zu behandeln.
Genau so wurde aus teurer Energiepolitik ein vermeintlich edles Projekt. Zahlen wurden zweitrangig, Zweifel lästig, Kritik verdächtig. Hauptsache, die Verpackung klang nach Rettung, Zukunft und Verantwortung. Der unangenehme Teil steckte dann wie so oft im Kleingedruckten, also dort, wo man zwar bezahlt, aber politisch möglichst still bleiben soll.
Für Leute mit dünner Luft im Konto war das nie bloß ein Streit auf Podien. Die Bundesnetzagentur meldete für 2023 weiterhin gut 200.000 Stromsperrungen. Genau da endet jedes erhaben wirkende Gerede über Transformation, Akzeptanz und gesellschaftliche Mitnahme.
Wer im Dunkeln sitzt, hat von Sonntagsreden relativ wenig. Gerade deshalb wirkt der langsame Gewöhnungseffekt so übel. Erst wird verteuert, dann umverteilt, dann sprachlich beruhigt und am Ende soll das alles einfach normal aussehen.
Mein persönliches Fazit
Der eigentliche Testlauf bestand also nicht nur darin, Strom teurer zu machen. Getestet wurde auch, wie schnell sich ein Volk an neue Lasten gewöhnt, wenn man sie klein genug portioniert und oft genug als alternativlos verkauft.
Hier eine Umlage, dort ein Zuschlag, später ein Zuschuss aus dem Haushalt, damit derselbe Bürger den Mist nur an anderer Stelle wieder bezahlt. Dazu eine politische Landschaft, in der viele ihr Kreuz dort machen, wo es schon immer gemacht wurde, als wäre Wahlverhalten eine geerbte Küchenuhr. Vater so, Mutter so, Oma so, also wird das schon stimmen. Gerade diese Routine hält das ganze Schauspiel am Laufen.
Beim Strom kann man das besonders gut sehen, weil dort fast alles drinsteckt. Moral, Geld, Gewöhnung, Umetikettierung, Ausreden und am Ende eine ganz persönliche Rechnung, die oft mehr Wahrheit enthält als jede Regierungserklärung.
Die aktuelle Lage ist also nicht der Anfang des Problems. Sie ist nur das Ergebnis eines langen Trainings. Erst vorsichtig in die Tasche gegriffen, später mit wachsender Dreistigkeit. Heute wundern sich viele über die Summe. Der eigentliche Skandal ist, wie früh dieser Versuch begonnen hat und wie erstaunlich lange er funktioniert hat.
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