Zwei Lager müssen offenbar reichen
Ich habe immer öfter den Eindruck, die Welt braucht nur noch zwei Schubladen.
Gut oder böse, richtig oder falsch, dafür oder dagegen. Eine Partei ist komplett großartig oder der Untergang des Landes, Zucker bringt euch um oder ist unverzichtbar, Alkohol ist grundsätzlich böse und jeder, der ihn trinkt, charakterlich verdorben.
Auf Karrierenetzwerken wartet natürlich hinter jeder Ecke der nächste Traumjob. Wer bleibt, tritt auf der Stelle, wer wechselt, entwickelt sich weiter. Der aktuelle Arbeitgeber behandelt euch ohnehin schlecht, zahlt zu wenig und erkennt euer wahres Potenzial nicht.
Vermieter, Arbeitgeber, Behörden und Stadtverwaltungen sind grundsätzlich faul, gierig, unfähig oder verlogen. Man muss sie austricksen, wo man kann. Etwas dazwischen gibt es natürlich nicht.
Das Zauberwort wäre Differenzierung, nur ist die offenbar nicht gewollt. Sie bremst die Empörung, stört beim Einrichten sauber getrennter Lager und zwingt dazu, den jeweiligen Fall tatsächlich anzusehen.
Das ist schlecht für Schlagzeilen, schlecht für Algorithmen und ganz schlecht für Menschen, die schon vor dem Lesen wissen möchten, wer diesmal der Gute und wer der Böse ist.
Die Wirklichkeit stört die Ordnung
Natürlich gibt es schlechte Arbeitgeber, gierige Vermieter, unfähige Sachbearbeiter und Politiker, deren Entscheidungen sich nur schwer mit gesundem Menschenverstand erklären lassen. Ein schlechter Vermieter ist trotzdem noch kein Beweis dafür, dass alle Vermieter Gauner sind, ein mieser Chef vertritt nicht sämtliche Arbeitgeber und ein Fehler im Amt bedeutet nicht automatisch, dass die komplette Verwaltung morgens nur deshalb öffnet, um Bürger zu ärgern.
Eine Partei kann bei einem Thema richtigliegen und beim nächsten gewaltig einen an der Waffel haben. Alkohol kann gesundheitlich schädlich sein, ohne dass jeder Mensch mit einem Bier in der Hand moralisch verwahrlost ist.
Zwei Dinge können gleichzeitig stimmen, aber für die heute übliche Lagerhaltung ist das natürlich viel zu kompliziert.