Lohnfortzahlung: Rekord mit Haken

Ein Wahlschein wird per „Statistischem Filter“ von der blauen in die rot-schwarze Urne gepustet. KI-generiertes Symbolbild.85,6 Milliarden für Krankheit. Rekord!

85 Prozent der Bundesbürger sind aktuell mit der Arbeit von Friedrich Merz als Bundeskanzler unzufrieden. Das ergibt das jüngste RTL/ntv-Trendbarometer von Forsa. Ich gehöre ziemlich eindeutig dazu.

Was die Entscheidungen von ihm und denen um ihn herum betrifft, sehe ich jedenfalls wenig, was gerade besonders überzeugend das Wohl des Bürgers mehrt. Kassen lassen sich dagegen erstaunlich zuverlässig füllen, Belastungen ebenso zuverlässig verteilen und bei den Begründungen scheint keine Zahl zu schade, solange sie groß genug klingt und irgendwie in die gewünschte Richtung zeigt.

Die gerade beschlossene GKV-Reform dürfte einigen das Mittagessen zusätzlich wieder hochbringen. Zuzahlungen sollen um 50 Prozent steigen, die Festzuschüsse beim Zahnersatz sinken, auch bei der Familienversicherung wird umgebaut. Wer genauer wissen möchte, was da geplant ist, kann das direkt beim Bundesgesundheitsministerium nachlesen.

Passend dazu und acht Tage vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt am 6. September schallt mir heute Morgen aus dem öffentlich-rechtlichen Radio diese Meldung entgegen: „Unternehmen zahlen Rekordsumme für Lohnfortzahlung im Krankheitsfall“

85,6 Milliarden Euro, historischer Höchststand, innerhalb von 15 Jahren mehr als verdoppelt. Na bitte. Da könnte beim Frühstück schon der Eindruck entstehen, halb Deutschland liege inzwischen mit Wärmflasche auf dem Sofa und lasse den Arbeitgeber zahlen. Nur erzählt diese Zahl etwas anderes.

Was steckt in den 85,6 Milliarden?

Die Zahl stammt nicht aus dem Kanzleramt, sondern aus einer Berechnung des Instituts der deutschen Wirtschaft, kurz IW. Sie ist auch nicht einfach erfunden. 72,5 Milliarden Euro entfallen auf fortgezahlte Bruttoentgelte, weitere 13,1 Milliarden auf Arbeitgeberbeiträge zur Sozialversicherung. Letztere werden allerdings geschätzt, weil sie so nicht direkt statistisch ausgewiesen werden.

Daran ist zunächst nichts Verwerfliches. Es sollte nur im Hinterkopf bleiben, wenn ein Betrag mit einer Nachkommastelle wie das Ergebnis einer exakt ausgezählten Kasse präsentiert wird. Wie beweglich solche Werte sind, zeigt bereits das Vorjahr. 2025 bezifferte das IW die Kosten für 2024 noch auf rund 82 Milliarden Euro, in der aktuellen Berechnung sind es 81,2 Milliarden.

Auch das ist kein Skandal. Daten werden korrigiert und Schätzungen angepasst. Es macht den angeblich messerscharfen Rekord nur ein wenig weniger messerscharf.

Der Haken heißt Lohn

Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes stiegen die durchschnittlichen Bruttolöhne und Gehälter je Arbeitnehmer 2025 um rund 4,6 Prozent. Gleichzeitig nahm die Zahl der Arbeitnehmer leicht zu.

Die Kosten der Lohnfortzahlung stiegen von 81,2 auf 85,6 Milliarden Euro, also um rund 5,4 Prozent. Jetzt kommt der komplizierte Teil: Wenn Löhne steigen, wird auch die Lohnfortzahlung teurer. Ja, wirklich. Dafür muss niemand auch nur einen Tag länger krank sein.

Das IW erklärt diesen Zusammenhang übrigens selbst. Trotzdem eignet sich eine nominale Milliardensumme natürlich erheblich besser für einen Rekord als die Frage, was eigentlich mit den Krankheitstagen passiert ist. Und genau dort wird es interessant.

Weniger Krankheitstage, mehr Rekord

Nach der Arbeitszeitrechnung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung kamen Arbeitnehmer 2024 durchschnittlich auf 14,8 krankheitsbedingte Arbeitstage, 2025 waren es 14,6.

Die Krankheitstage sind also leicht gesunken, während die Kosten um 5,4 Prozent gestiegen sind. Damit ist spätestens klar, warum die 85,6 Milliarden alleine herzlich wenig darüber aussagen, ob die Deutschen plötzlich ständig kränker werden oder häufiger krankfeiern.

Der Krankenstand liegt tatsächlich noch immer höher als vor Corona. Gleichzeitig hat sich seit Einführung der elektronischen Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung auch die Erfassung verändert, kurze Krankschreibungen landen heute zuverlässiger in der Statistik. Beides gehört zur Wahrheit. Nur lässt sich daraus eben schlecht die Schlagzeile „mehr als verdoppelt“ basteln.

Der Rekord war schon 2021 bekannt

Hier wird es für mich richtig hübsch. Das Institut der deutschen Wirtschaft veröffentlichte bereits im August 2021 eine Prognose für die Entgeltfortzahlung im Jahr 2025. Erwartet wurden damals 84,4 Milliarden Euro.

Heute sind es 85,6 Milliarden. Der große historische Rekord liegt damit gerade einmal rund 1,4 Prozent über einer Zahl, die fünf Jahre vorher bereits prognostiziert worden war. Noch besser: Das IW schrieb damals ausdrücklich, dass die Aufwendungen selbst bei konstanter Fehlzeitenquote steigen würden, wenn Beschäftigung und Löhne wachsen.

2021 wusste man also bereits ziemlich genau, wo wir 2025 landen würden. Fünf Jahre später macht daraus jemand einen historischen Rekord. Überraschungsfaktor ungefähr Weihnachten am 24. Dezember.

Richtige Zahl, schöne Geschichte

Das ist für mich der eigentliche Punkt. Niemand muss die 85,6 Milliarden erfinden. Niemand muss eine Tabelle fälschen und auch beim IW muss niemand heimlich mit dem Taschenrechner in den Keller gehen. Es reicht, die passende Zahl auszuwählen.

Eine nominale Milliardensumme über 15 Jahre sieht gewaltig aus. „Mehr als verdoppelt“ klingt noch besser und „historischer Rekord“ erledigt den Rest. Dass Löhne inzwischen erheblich höher sind, die Beschäftigung gewachsen ist, Teile der Summe geschätzt werden, sich die statistische Erfassung verändert hat und die tatsächlichen Krankheitstage zuletzt sogar leicht gesunken sind, kann irgendwo danach kommen. Im Radio ist der Satz bis dahin längst durch.

Ob es Zufall ist, dass eine solche Meldung gerade jetzt hervorragend in die politische Diskussion um Krankheitskosten, Krankmeldungen und steigende Belastungen der Versicherten passt, kann ich nicht beweisen. Was ich beweisen kann, steht in den Zahlen. Der große Rekord war nahezu in dieser Höhe schon 2021 vorhergesagt, selbst bei gleichbleibenden Fehlzeiten.

Das erzählt eine etwas andere Geschichte als 85,6 Milliarden Euro, Rekord, mehr als verdoppelt. Zahlen lügen nicht. Welche davon besonders laut ins Radio gestellt wird, ist allerdings eine ganz andere Frage.

 

 

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