Wir haben Experten gefragt!
Aktuelle Sofortlösung der Politik, wenn man das Offensichtliche nicht zugeben will?
„Wir haben eine Expertenrunde einbestellt.“
Prima. Dann kann ja eigentlich nichts mehr schiefgehen, schließlich sitzen jetzt Leute vom Fach am Tisch und schon bekommt die ganze Sache ein völlig anderes Gewicht.
Nur sagt das erst einmal erstaunlich wenig. ![]()
Warum?
Nun, angenommen, ich möchte eine richtig große Torte backen. Mehrstöckig, ordentlich was drauf, das Ding soll am Ende nicht nur schmecken, sondern möglichst auch stehen bleiben und episch aussehen. Dummerweise habe ich davon keine Ahnung, also mache ich das einzig Vernünftige und hole mir jemanden, der sich auskennt.
Einen Experten!
Ich habe mal gehört, in der Nachbarschaft ist einer, viele Leute haben ihn schon um Rat gefragt. Was er ist? Tischlermeister.
Der Mann ist zweifellos Profi, mit Ausbildung, Meisterbrief, Erfahrung und Fachwissen, vermutlich kann er mir einen Tisch bauen, auf dem die Torte noch steht, wenn das Haus drumherum längst aufgegeben hat. Ich denke, man kann gut sagen, er ist ein Experte.
Nur von meiner Torte hat er deswegen noch lange keine Ahnung.
Trotzdem könnte ich anschließend völlig wahrheitsgemäß behaupten: „Ich habe mich von einem Experten beraten lassen.“
Stimmt ja.
Blöd nur, dass ich vielleicht erst jemanden brauche, der weiß, wen ich überhaupt fragen muss. ![]()
Das Wort allein macht noch keine Aussage besser
Genau das stört mich inzwischen regelmäßig, wenn irgendwo wieder „Experten sagen“, „Experten warnen“, „Experten empfehlen“ oder gleich eine ganze Ansammlung dieser Gattung aufgerufen wird. Mein erster Gedanke ist dann nicht mehr automatisch „Na, dann wird das wohl stimmen“, sondern eher: Mit WAS genau kennen die sich aus?
Welches Fachgebiet, welche konkrete Erfahrung und für welchen Teil der Frage?
Ein Virologe kann ein hervorragender Virologe sein, ohne deshalb automatisch etwas von Volkswirtschaft zu verstehen. Ein Ingenieur kann mir erklären, warum eine Brücke hält, beim nächsten komplizierten Steuerproblem würde ich trotzdem lieber jemand anderen fragen.
Das wertet keinen davon ab, ganz im Gegenteil. Fachwissen ist etwas Wertvolles, nur eben dort, wo es hingehört.
Mein Tischlermeister wird schließlich auch nicht plötzlich zum schlechten Tischler, nur weil seine was-auch-immer-Torte aussieht wie ein Verkehrsunfall.
Wer wurde eigentlich gefragt?
Dann kommt noch etwas dazu, das ich fast interessanter finde. Selbst wenn alle Beteiligten tatsächlich Fachleute für das betreffende Thema sind, weiß ich noch immer nicht, wie diese Runde zustande gekommen ist.
Wenn zehn Leute vom Fach zu einem Thema unterschiedliche Auffassungen vertreten und ich mir genau die drei einlade, deren Meinung zu meinem gewünschten Ergebnis passt, habe ich anschließend völlig korrekt drei Fachleute auf meiner Seite.
Ich kann sogar sagen: „Die von mir befragten Experten kommen zu einem eindeutigen Ergebnis.“
Stimmt ebenfalls, die anderen sieben habe ich nur zufällig nicht gefragt.
Das muss nicht einmal böse Absicht sein. Nur wird es interessant, wenn die ausgewählte Runde anschließend so verkauft wird, als gäbe es außerhalb davon gar keine andere fachliche Sicht mehr.
Fachwissen ersetzt das eigene Denken nicht
Ich kann nicht alles wissen und will das auch gar nicht, dafür gibt es Leute, die sich jahrelang mit Dingen beschäftigen, bei denen ich spätestens nach Seite drei der Fachliteratur lieber Kaffee holen gehe.
Wenn mein Wissen nicht reicht, frage ich jemanden, der mehr davon versteht. Ganz normal, ganz einfach. Nur möchte ich trotzdem wissen, wen ich da eigentlich frage, wofür derjenige Fachmann ist, auf welcher Grundlage er urteilt und ob andere Leute vom Fach vielleicht zu einem anderen Ergebnis kommen.
Den Begriff selbst hatte ich hier im Blog schon einmal am Wickel, weil bei mir inzwischen tatsächlich eine kleine Warnleuchte angeht, wenn „Experten“ einfach als Gütesiegel in den Raum gestellt werden.
Ein Experte ist nun einmal jemand, der von etwas besonders viel versteht.
Die entscheidende Frage lautet nur:
Ist dieses „etwas“ zufällig auch genau das, worüber er gerade urteilt?
Sonst habe ich am Ende zwar ein meisterliches Ergebnis, nur fragt sich, für wen …
So ganz nebenbei ist der Ruf nach einer Expertenrunde manchmal auch nur die elegante Variante von: „Ich weiß zwar nicht weiter, kann hinterher aber wenigstens sagen, ich hätte alles versucht.“