Wie Vertrauen verspielt wird

Zwischen Gestern und Zukunft sitzt heute offenbar die KI am Steuer. ;-) KI-generiertes Bild.Früher war vieles besser, aber eben nicht alles

„Früher war alles besser, da war alles aus Holz.“

So oder ähnlich kennt ihr den Spruch bestimmt. Natürlich Quatsch, aber eben nicht komplett Unsinn. Differenzieren, Baby, differenzieren. ;-)

Das Problem steckt eigentlich nur in einem einzigen Wort: alles.

Früher war vieles unbequemer, langsamer und technisch schlicht schlechter. Autos rosteten schneller, Fernseher hatten drei Programme und Telefonieren kostete Geld. Wobei letzteres heute auch nicht wirklich kostenlos ist, es steht nur nicht mehr bei jedem Gespräch einzeln auf der Rechnung.

Beim Fernsehen haben wir dagegen gewaltige Fortschritte gemacht. Früher gab es drei Programme, heute Hunderte. Damit ist endlich auch genug Platz, um noch viel mehr Scheiße zu senden. :mrgreen:

Smartphone, Navigation, Internet und moderne Technik dürfen ebenfalls sehr gerne bleiben. Ich brauche keine Straßenkarte auf dem Schoß, keine Telefonzelle und auch keinen Überweisungsträger zurück. Der Punkt ist nur: Ich könnte damit umgehen. Das Alltagsleben hat damit funktioniert und würde es auch heute noch, wenn man es denn ließe.

 

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Daraus folgt eben noch lange nicht, dass neu automatisch besser bedeutet.

 

Manches war tatsächlich besser

Vielleicht fängt es schon bei den einfachen Dingen an. Nicht alles musste ständig neu erfunden, erweitert, optimiert, vernetzt und mit irgendeinem Zusatz versehen werden. Ein Fernseher musste nicht gleichzeitig Werbeplattform, Datensammler und halber Computer sein und nicht für jeden Furz brauchte es erst ein Benutzerkonto samt Passwort, App und Update.

Natürlich hatten alte Dinge ihre Macken. Trotzdem hatten manche davon etwas, das mir heute fehlt.

Nehmt nur meinen Retrofimmel. Ein alter VW Bulli kann mir bis heute beim Einkaufen den Kopf verdrehen. Nicht weil ich ernsthaft behaupten würde, dass seit dem T1 beim Automobil nichts verbessert wurde. Natürlich wurde das.

Das Ding hat einfach Charakter. Ich hatte damals sogar geschrieben, dass der Bulli einen anlächelt, wenn man ihm in die Scheinwerfer sieht. ;-)

Versucht das mal bei irgendeinem glattgelutschten Allerweltsprodukt, bei dem vorne, hinten und seitlich nur noch das Logo verrät, von wem es eigentlich stammt.

Neu ist erst einmal nur neu

Genau das wird mir heute zu oft durcheinandergeworfen. Neu heißt zunächst nur, dass etwas neuer ist. Ob es deshalb schöner, sinnvoller, haltbarer, angenehmer oder überhaupt notwendig ist, steht auf einem völlig anderen Blatt.

Manches Neue ist genial. Navi statt Straßenkarte? Her damit. Eine Kamera im Handy, die besser fotografiert als manches eigene Gerät von früher? Ebenfalls gerne. An anderen Stellen wird dagegen etwas verschlimmbessert, nur damit hinterher eine höhere Versionsnummer draufsteht.

300 Fernsehprogramme mit 280 Varianten von Müll bleiben eben 300 Programme mit 280 Varianten von Müll. Nur die Auswahl beim Wegschalten ist größer geworden. ;-)

Fortschritt kann auch bedeuten, dass etwas schneller, komplizierter oder vernetzter geworden ist, obwohl genau das vorher überhaupt kein Problem war.

Und dann wäre da noch das Vertrauen

Bei einem Punkt würde ich tatsächlich ziemlich deutlich sagen: Das war früher besser. Es gab für mich mehr Grund zum Vertrauen.

Nein, auch frühere Politiker haben Wahlversprechen gebrochen, Regierungen Geld verbrannt und Medien lagen daneben. Früher saßen keine Heiligen in Regierung und Redaktion, so rosarot ist meine Erinnerung nun wirklich nicht.

Was sich verändert hat, ist für mich der Umgang damit. Heute wird über die Leute hinweg entschieden, ihre Leistung eingefordert und gleichzeitig erklärt, warum von dieser Leistung bitte noch etwas mehr gebraucht wird. Dazu kommt eine Informationswelt, bei der ich längst nicht mehr nur darauf achte, was gesagt wird. Ich frage automatisch, was fehlt, warum genau dieses Wort benutzt wurde und ob mir zur Information gleich noch die gewünschte Meinung mitgeliefert werden soll.

Das ist kein Fortschritt, den ich bestellt habe. Vielleicht ist es vernünftig geworden, genauer hinzusehen, schöner macht es das ganz sicher nicht.

Also, war früher alles besser?

Natürlich nicht. Vieles war schlechter, vieles ist heute einfacher, komfortabler und technisch Welten weiter. Darauf möchte ich auch gar nicht verzichten.

Aber vieles war eben tatsächlich besser.

Manches hatte mehr Charakter, manches war einfacher, manches funktionierte völlig problemlos ohne App, Cloud oder Benutzerkonto und bei einigen Dingen gab es für mich schlicht mehr Grund zum Vertrauen.

Der alte Spruch ist also gar nicht so falsch, er hat nur ein Problem mit dem Wort „alles“.

Differenzieren, Baby. ;-)

 

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