Wissen auf Abruf, Denken optional?

Angebliche Commerzbank-Mail, die vor dem Ablauf einer ominösen „Aktivierungsgrafik“ warnt. Was immer das sein soll, Hauptsache, irgendwer klickt auf den Link.Wie dumm muss eine Betrugsmail eigentlich noch sein?

Ich weiß, ich rege mich da nicht zum ersten und auch nicht zum zweiten Mal drüber auf, aber einfach schweigend ignorieren kann ich es eben auch nicht.

Wobei, „aufregen“ ist nicht der richtige Begriff dafür. Die Mails regen mich nicht auf, haben sie nie.

WAS mich daran massiv nervt, ist die Tatsache, dass der Empfänger für strunzdumm gehalten wird und manchmal genau diese Einschätzung unglaublicherweise ins Schwarze trifft. Denn würde es nicht klappen, wäre der Mist mittlerweile wohl Vergangenheit.

Ja, ich weiß, auch das habe ich schon angeschnitten, aber ich suche immer noch nach einer Erklärung, WAS EINEN VERANLASSEN KANN, solchen Mails Folge zu leisten.

Man komme mir jetzt bitte nicht mit „aber ältere Menschen“!

Meine Uroma wurde 1901 geboren, ist 1989 verstorben und kannte keine digitale Welt, aber selbst sie hätte da nicht eine Sekunde den Inhalt durchgewunken. Ganz nebenbei ist das Internet mit seinen guten und schlechten Begleiterscheinungen mittlerweile Jahrzehnte alt, den Schrecken des unbekannten „Neuen“ hat es wohl längst verloren.

Angebliche Postbank-Mail mit dringender Überweisungsbestätigung, dubioser Absenderadresse und einer Rechtschreibung, bei der selbst die Leerzeichen offenbar überfordert sind.Zwei Banken und jede Menge Unsinn

Da bekomme ich beispielsweise eine angebliche Nachricht der Postbank, die mich mit „Wichtig – Wichtig“ zur Bestätigung einer Überweisung auffordert. Im Text sind die Buchstaben teilweise so merkwürdig auseinandergerissen, dass man schon Mühe hat, überhaupt vernünftige Wörter zu erkennen. Dazu eine Absenderadresse, die mit einer Bank ungefähr so viel zu tun hat wie mein Kühlschrank mit der Raumfahrt.

Ein paar Tage später meldet sich dann angeblich die Commerzbank, um mir mitzuteilen, dass meine „Aktivierungsgrafik“ abläuft. Meine WAS bitte? :shock:

Die entsprechenden Mails seht ihr auf den Bildern, ich denke, da muss ich nicht noch jedes Detail auseinandernehmen. Wobei ich mich schon frage, ob die Verfasser ihre eigenen Werke jemals gelesen haben, ehe sie diese auf die Menschheit loslassen.

Irgendjemand muss doch darauf hereinfallen!

Genau da liegt für mich das eigentliche Problem. Offenbar gibt es genügend Empfänger, die auf solche Nachrichten reagieren, denn weshalb sollte man diesen Unsinn sonst seit Jahren in immer neuen Varianten verschicken?

Natürlich kostet der massenhafte Versand heutzutage kaum etwas und vermutlich reichen schon wenige erfolgreiche Versuche, damit sich das Geschäft lohnt. Aber selbst diese wenigen Treffer muss man erst einmal erzielen, was wiederum bedeutet, dass tatsächlich jemand solche Texte liest und anschließend macht, was darin verlangt wird.

Ich versuche mir das manchmal im normalen Alltag vorzustellen. Wenn mir auf der Straße irgendein Fremder erzählt, mit meiner Bankkarte stimme etwas nicht, drücke ich sie ihm doch auch nicht gleich in die Hand, am besten noch mit der PIN dazu. Warum sollte ich bei einer E-Mail plötzlich jede Vorsicht vergessen, nur weil irgendwo ein bekanntes Logo klebt?

Es geht doch überhaupt nicht darum, ob jemand die technischen Hintergründe versteht, weiß, was Phishing bedeutet oder eine manipulierte Absenderadresse erkennen kann. Ein bisschen Misstrauen gegenüber völlig unbekannten Absendern dürfte wohl kaum eine Erfindung des digitalen Zeitalters sein.

Wissen auf Abruf, Denken offenbar optional

Was mich an der ganzen Sache zunehmend beschäftigt, geht allerdings weit über solche Betrugsversuche hinaus. Wir leben in einer Zeit, in der man praktisch jedes Wissen innerhalb weniger Sekunden abrufen kann. Was früher einen Gang in die Bibliothek, Nachfragen bei Fachleuten oder wenigstens ein bisschen eigene Recherche erforderte, lässt sich heute bequem vom Sofa aus erledigen.

Eigentlich müsste die Menschheit dadurch doch zumindest ein bisschen schlauer werden, oder? Stattdessen habe ich immer öfter den Eindruck, dass die Möglichkeiten, an Informationen zu gelangen, schneller wachsen als die Bereitschaft, sie tatsächlich zu nutzen. Man hat nahezu unbegrenzten Zugriff auf Erklärungen, Erfahrungen und Warnungen, aber das bedeutet offensichtlich noch lange nicht, dass man sich auch damit beschäftigt.

Dabei reden wir längst über künstliche Intelligenz, selbstfahrende Autos und Technologien, die vor wenigen Jahrzehnten noch reine Science-Fiction waren. Gleichzeitig scheint es aber weiterhin Menschen zu geben, die auf Nachrichten hereinfallen, deren Verfasser offenbar schon mit der Leertaste überfordert sind.

Irgendwie passt das für mich nicht zusammen.

Wird die Dummheit größer oder nur sichtbarer?

Manchmal frage ich mich ernsthaft, ob die Dummheit tatsächlich zunimmt oder ob sie heute einfach viel deutlicher zu erkennen ist. Früher blieb so mancher Unsinn vielleicht auf das persönliche Umfeld beschränkt, mittlerweile lässt er sich innerhalb von Sekunden über den halben Planeten verteilen.

Nur erklärt mir das immer noch nicht, warum man ausgerechnet in einer Zeit, in der praktisch jeder die Möglichkeit hat, Behauptungen zu hinterfragen und Informationen zu überprüfen, auf derart plumpe Maschen hereinfällt.

Fast jedes Wissen dieser Welt ist heute nur ein paar Klicks entfernt, aber offenbar klickt mancher lieber auf den falschen Link. Anders kann ich mir nicht erklären, warum dieser Scheißdreck nach all den Jahren noch immer funktioniert.

 

 

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