Zwischen Politik, Parkplatz und Paketbote
Wieder mal ist mir in den Nachrichten der letzten Tage, online wie offline, das gleiche Thema ins Auge gesprungen.
Hier macht ein Geschäft dicht, dort verschwindet die nächste Filiale einer größeren Kette und mit jedem geschlossenen Laden wird es ein Stück schwieriger, bestimmte Dinge überhaupt noch vor Ort zu bekommen.
Wer heute ein Musikinstrument kaufen oder ausprobieren möchte, ein paar Elektronikbauteile braucht oder einfach nur einen Schuster sucht, merkt ziemlich schnell, dass solche Geschäfte längst nicht mehr selbstverständlich sind. Dabei gab es das alles mal, ohne dass man vorher eine halbe Recherche betreiben musste, wo überhaupt noch ein entsprechender Laden existiert.
Das betrifft inzwischen längst nicht mehr nur die klassischen Innenstädte, auch außerhalb der City wird es zunehmend dünner. Dass ich als Kunde trotzdem immer häufiger online bestelle, hat seine Gründe, und die fangen oft schon an, bevor ich überhaupt einen Laden von innen sehe.
Erst mal hinkommen
Wer heute mit dem Auto einkaufen möchte, hat vielerorts schon vor dem eigentlichen Einkauf reichlich Beschäftigung. Hier eine gesperrte Durchfahrt, dort eine neue Verkehrsführung, dazwischen Tempo 30 auf Strecken, bei denen sich mir der Sinn beim besten Willen nicht erschließt. Am Ziel angekommen beginnt die Parkplatzsuche, sofern noch ausreichend Plätze vorhanden und halbwegs bezahlbar sind.
Ach ja, Bus und Bahn gibt es natürlich auch noch (an manchen Orten), die inzwischen offenbar als Lösung für nahezu alles herhalten sollen. Wer seinen Einkauf möglichst effizient erledigen oder größere Mengen transportieren möchte, kann damit allerdings herzlich wenig anfangen.
In der Werbung und bei manchen Influencern mag „Shopping“ ja ein tolles Erlebnis sein, für mich ist Einkaufen in aller Regel eine notwendige Pflicht, die ich möglichst zügig hinter mich bringen möchte. Dafür brauche ich keinen halben Tagesausflug samt Rückreise mit vollen Einkaufstaschen.
Von alleine passiert das alles nicht
Nun kann man natürlich den Onlinehandel für jedes geschlossene Geschäft verantwortlich machen, nur ist die Geschichte damit noch lange nicht erzählt.
Mieten, Energie, Personal und Waren kosten Geld, dazu kommen Anforderungen an Gebäude, Energieeffizienz und den Betrieb der Unternehmen. Gleichzeitig werden vielerorts die Bedingungen verändert, unter denen Kunden diese Geschäfte überhaupt noch erreichen können.
Nicht alles davon ist eine natürliche Entwicklung. Hinter vielen Rahmenbedingungen stehen politische Entscheidungen, ob nun im Rathaus, in Berlin oder Brüssel. Unterschiedliche Ziele und Begründungen gibt es dafür reichlich, deren praktische und wirtschaftliche Auswirkungen sollte man allerdings auch im Blick behalten.
Nebenbei finde ich es immer wieder erstaunlich, wenn bei hohen Dieselpreisen der gut gemeinte Hinweis aufs E-Auto kommt. Spätestens über Lieferketten, Transport und Landwirtschaft zahle ich den Diesel schließlich trotzdem mit, ob ich selbst welchen tanke oder nicht. Wird das alles irgendwann elektrisch funktionieren? Mag sein, nur bezahlen wir dann eben die neuen Maschinen samt Infrastruktur ebenfalls mit. Kosten verschwinden schließlich nicht einfach, nur weil man die Technik dahinter austauscht.
Und wenn man endlich im Laden steht?
Dann bleibt ja noch das große Argument der persönlichen Beratung, eigentlich einer der Vorteile des stationären Handels.
Leider funktioniert auch das nicht immer. Mal fehlt das Produktwissen, mal ist niemand greifbar und gelegentlich kommt man mittlerweile bei einem Beratungsgespräch mit Deutsch schlicht nicht besonders weit. Natürlich gibt es weiterhin hervorragende Geschäfte mit Menschen, die wirklich Ahnung von ihrem Sortiment haben, aber eben auch oft genug das Gegenteil.
Besonders schräg finde ich, dass mich bei manchen Produktfragen inzwischen irgendein KI-Bot besser versteht als der Mensch, dem ich kurz vorher noch im Laden gegenübergestanden habe.
Und nicht falsch verstehen!
Klar gibt es Kunden, die ihre Beratung im Laden holen, dann aber online kaufen. Nur gab es auch früher schon Leute, die sich bei X beraten ließen und anschließend bei Y ihr Geld gelassen haben. Es ist eben auch Aufgabe des Unternehmens, Anreize zu schaffen, damit genau das nicht geschieht. Sicher nicht immer einfach, an vielen Stellen aber über Jahre, wenn nicht Jahrzehnte, schlicht ignoriert.
Wenn der Kochlöffel vor Ort 5 Euro kostet, online in besserer Qualität aber nur 3 Euro inklusive Versand, wird es jedenfalls schwierig, dem Kunden den teureren Einkauf schmackhaft zu machen. Das mag unschön sein, wird sich aber kaum zurückentwickeln, und wer darauf nicht reagiert (hat), wird oder wurde irgendwann abgehängt.
Nebenbei zeigt der Lebensmitteleinzelhandel in seinem System ja durchaus, dass es auch anders gehen kann. Trotz mehrerer Anläufe ist zumindest mir derzeit kein reiner Onlineanbieter bekannt, der ihm wirklich den Rang abläuft. Klar, Eier und Brot unterliegen anderen Bedingungen als Fernseher und Schuhe, aber genau darauf muss ein Unternehmen eben reagieren.
Man kann nicht ständig nach Fortschritt, Digitalisierung und modernen Zeiten rufen, bei der eigenen Planung aber weiterhin mit Klemmbrett und Bleistift antreten. Was ich hier im Blog übrigens auch nicht zum ersten Mal schreibe.
Von mir aus könnte es durchaus wieder etwas mehr Tante Emma und weniger Internet geben, nur ist der Gedanke müßig. Die Zeit dreht sich nicht zurück, auch wenn man sich das gelegentlich wünschen mag.
Das große A wartet schon
Nun bin ich selbst gelernter Kaufmann im E-Commerce und weiß durchaus, dass auch der Onlinehandel seine Schattenseiten hat.
Trotzdem macht es einem das große A, dessen Name verdächtig an einen ziemlich großen Fluss in Südamerika erinnert, verdammt einfach. Oft günstiger, schnell geliefert und ohne den ganzen Aufwand drumherum.
Warum sollte ich also freiwillig mehr Zeit, Geld und Nerven investieren, um denselben Artikel irgendwo vor Ort zu kaufen?
Auch Tante Emma hat mir früher schließlich nichts geschenkt. Am Ende zählt für mich, was nach dem Einkauf noch in meiner Geldbörse steckt und wie viel meiner Lebenszeit ich dafür aufwenden musste.
Die Überraschung kommt hinterher
Was mich an der ganzen Entwicklung fast noch mehr wundert als das eigentliche Ladensterben, ist die anschließende Empörung darüber. Als wäre das alles eines Morgens einfach so passiert.
Verkehrsplanung, Parkraumbewirtschaftung und politische Vorgaben fallen schließlich nicht vom Himmel. Darüber wird entschieden, und über die grundsätzliche Richtung solcher Entscheidungen wird auch bei Wahlen mitbestimmt.
Natürlich lässt sich nicht jede Geschäftsaufgabe auf einen einzelnen politischen Beschluss zurückführen, nur sollte man dessen mögliche Folgen auch nicht völlig ausblenden. Mancher Preis im Laden ist schließlich deswegen lächerlich hoch, weil an einer komplett anderen Stelle einer Excel-Tabelle eine Prozentzahl steht, bei der hintenrum vermutlich noch die Atemluft besteuert wird.
Ich mag es durchaus, durch Geschäfte zu stöbern, Dinge in die Hand zu nehmen oder mich vernünftig beraten zu lassen. Nur muss das für mich als Kunden auch noch halbwegs funktionieren, wobei sich niemand wundern sollte, wenn dabei am Ende immer öfter der Paketbote gewinnt.
Ist nicht schön? Nö, isses nicht, aber real!
Wer sich nun beim nächsten leeren Schaufenster wieder lautstark über die Entwicklung empört, könnte ja auch mal überlegen, welche Entwicklung für die Zukunft er vor ein paar Jahren eigentlich bestellt hat.
Nicht beim großen A, sondern an der Wahlurne. ![]()