Heimatkunde im Job?
Gestern war ich über meinen Job an einer Stelle, an die man sonst vermutlich nicht einfach so rankommt (zumindest nicht, ohne vorher Zaun, Schild, Zuständigkeit und die Laune anderer Leute kennenzulernen).
Dort stand dieses alte Bauwerk, massiv, grau, verwachsen und irgendwie zwischen Wasserversorgung, Aussichtspunkt und „hier war bestimmt mal irgendwas“.
Genau diese Sorte Ding, an der viele vorbeilaufen würden, kurz gucken, weitergehen und fertig. Ich natürlich nicht, denn wenn irgendwo altes Mauerwerk steht und dabei so tut, als hätte es nichts zu erzählen, werde ich misstrauisch, mein Retrofimmel eben ![]()
Was da noch steht
Nach dem, was sich bisher finden lässt, gehört das Ganze ziemlich sicher in die Ecke der alten Wasserversorgung. Im Stadtarchiv Ober-Ramstadt gibt es jedenfalls einen Bestand zu Wasserwerk, Hochbehälter und Wasserleitungsarbeiten mit einer Laufzeit von 1907 bis 1951. Das passt schon sehr deutlich zu dem, was man da vor der Nase hat. Alte Infrastruktur hatte eben noch Charakter. Heute bekommt man dafür vermutlich einen grauen Kasten, drei Warnschilder, eine Servicenummer und irgendeinen QR-Code, der genau dann nicht (mehr) lädt, wenn man ihn braucht.
Wenn ein Ortskundiger erzählt
Die spannendere Nummer kam aber von einem Ortskundigen. Er war recht sicher, dass dort oben einmal ein Flak-Geschütz gestanden haben soll. Nun ist „recht sicher“ natürlich kein Archivstempel, kein Aktenzeichen und kein Foto mit Datum auf der Rückseite, nach all der Zeit ist das eher eine glaubwürdige Überlieferung aus der Gegend.
Ganz aus der Luft gegriffen wirkt die Sache allerdings nicht. Der Raum Darmstadt und Frankfurt taucht in Archivbeständen zur Luftverteidigung und Flak sehr wohl auf, unter anderem beim Luftverteidigungs-Kommando West Frankfurt/Darmstadt und der 5. Flak-Division.
Für Ober-Ramstadt selbst findet sich außerdem die Luftnachrichten- und Radarstellung „DÄUMLING“. Dort werden für den 21. März 1945 drei Freya-Radargeräte genannt, darunter zwei mögliche Freya-EGON-Geräte. Das beweist nicht dieses konkrete Geschütz auf genau diesem Bauwerk, aber es zeigt ziemlich klar, dass Ober-Ramstadt bei dem Thema nicht einfach nur als friedlicher weißer Fleck auf der Karte herumlag.
Geschichte mit Bodenkontakt
In der Nähe, bei Rodau, ist für März 1944 sogar der Absturz einer Halifax dokumentiert. Als Absturzursache wird dort Flak genannt, der Absturzort liegt bei Rodau, etwa sechs Kilometer südsüdöstlich von Ober-Ramstadt bei Darmstadt. Auch das ist kein Beweis für genau diesen Standort, aber es ist ein weiterer kleiner Haken in der Landkarte. Man steht dann also wegen Arbeit vor einem alten Bauwerk, macht ein Foto, hört eine Geschichte von einem Ortskundigen und landet plötzlich bei Wasserversorgung, Radarstellungen, Flak, Archivbeständen und Bomberabstürzen. So war der Terminplan vermutlich nicht gemeint, aber manchmal liefert der Job eben noch eine kostenlose Portion Heimatkunde mit ![]()
Nicht die hübsche Sorte aus Broschüren mit lächelnden Menschen vor Fachwerk, sondern die etwas sperrigere Variante, bei der man auf einmal merkt, wie viel Geschichte da draußen einfach herumsteht und nichts sagt. Man muss nicht immer ins Museum. Manchmal reicht es, näher an etwas heranzukommen, das sonst nur verwachsen in der Landschaft steht und schweigt. Bis ein Ortskundiger sagt: „Da war mal was.“ Dann fängt das alte Mauerwerk plötzlich doch an zu reden.
Für einen zugezigenen Ruhpöttler mit Geschichtsfimmel wie mich, vielleicht sogar noch eine Spur spannender ![]()
Faktenanker
Zum Bauwerk selbst passt der Archivhinweis auf Wasserwerk, Hochbehälter und Wasserleitungsarbeiten in Ober-Ramstadt von 1907 bis 1951. Für den militärischen Rahmen gibt es den Archivbestand zum Luftverteidigungs-Kommando West Frankfurt/Darmstadt und zur 5. Flak-Division. Dazu kommt der Hinweis auf die Luftnachrichten- und Radarstellung „DÄUMLING“ bei Ober-Ramstadt sowie ein dokumentierter Halifax-Absturz bei Rodau im März 1944 mit genannter Absturzursache Flak. Das belegt nicht die konkrete Flak auf diesem Bauwerk, macht die lokale Überlieferung aber zumindest ziemlich plausibel.