Der Karenztag, jetzt wird alles gut

Beate niest grinsende Bazillen quer durchs Büro, während auf den Monitoren der Desasterkreis läuft. Satirisches KI-Bild zum Karenztag.Ein Tag geht immer, aber ja! Oder?

Ich habe zu dem Thema ja schon meine Gedanken hier niedergeschrieben.

Nimmt man jetzt mal den Faden mit dem „krank ist man erst ab Tag 2“ auf, kommt zumindest mir direkt ein Szenario ins Hirn:

Beate X. fühlt sich am Samstag schon schlapp. Müde, schwer, kratzig im Hals, irgendwas ist im Anflug. Den Sonntag verbringt sie irgendwo zwischen Tee, Decken, Schlafen und Ibus. Nicht sterbenskrank, aber eben auch nicht gesund. Sie kennt ihren Körper und weiß, dass sie am Montag eigentlich zum Arzt müsste, weil da in ihr schon die Bazillenküche vorheizt.

Nur ist da eben dieses kleine Problem.

Geld

Ihr Budget für den Monat ist klein. Alleine die Benzinrechnung ist im Moment schon ein Problem, das sich nicht wirklich lösen lässt. Eines, das richtig weh tut. Dabei ist es nur eines von mehreren Dingen, die ihr regelmäßig die Tränen ins Gesicht treiben.

Es reicht einfach nicht, das Geld.

Mit Tricks, Sonderangeboten, Laufen statt Fahren, Second-Hand-Kleidung für die Kinder, klein gehaltenen Geburtstagen, noch kleineren Weihnachten und natürlich ohne Kino, Restaurant oder irgendeinen anderen Luxus klappt es gerade so, dass das nächste Gehalt erreicht wird. Nicht gut, nicht entspannt, nicht mit Luft nach oben, sondern gerade so.

Was ist hier eigentlich passiert?

Das ist ja überhaupt das Merkwürdige an der Sache.

Früher war nicht alles besser, dieses Gesäusel braucht auch keiner. Dieses ständige Gefühl, dass ein normaler Monat schon eine Art finanzieller Hindernislauf mit brennenden Reifen ist, war aber eben auch nicht immer so.

Was passiert hier eigentlich im Land?

Warum ist es vielen Politikern offenbar völlig egal, dass eine Menge Leute längst über dem Limit sind, während diese Blase in Berlin immer noch so tut, als sei das alles nur eine kleine Komfortzonenfrage für Bürger, die sich nicht genug anstrengen?

Für Beate ist ein Tag weniger Geld keine politische Rechenübung. Das ist kein Punkt in einer Talkshow. Das ist kein Modellfall für irgendeinen Berater, der bei Wasser im Glas und drei Kameras erklärt, wie man Anreize richtig setzt.

Ein Tag weniger Geld heißt, es reicht nicht. Schlicht nicht. Am Monatsende zählt jeder Euro. Wirklich jeder.

Montag geht immer

Also schleppt sich Beate am Montag in die Firma.

Elend, hustend, schwitzend, unaufmerksam. Irgendwie anwesend, aber eigentlich schon nicht mehr wirklich da. Nach ein paar Stunden geht sie kurz in die Apotheke und deckt sich mit Ibus und ein paar anderen Dingen ein, nur damit sie die acht Stunden irgendwie durchsteht.

Da bricht die Rechnung dann schon an der ersten Ecke zusammen, denn ein Teil vom Geld geht weg, damit kein Teil vom Geld fehlt, das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen.

Sie gibt Geld aus, um arbeitsfähig zu wirken, damit sie keinen unbezahlten Krankheitstag hat. Das ist diese Sorte Logik, die nur in einem Land funktionieren kann, in dem man sich ernsthaft einbildet, ein Problem sei gelöst, wenn man es einfach in eine andere Spalte der Tabelle schiebt.

Was passiert also so einer „Beate“, wenn es so läuft?

Sie macht Fehler, bringt ihre Leistung nicht. Die Kollegen sind wenig begeistert, weil am Ende natürlich irgendwer auffangen muss, was sie an diesem Tag nicht sauber schafft. Niemand hat Bock auf Husten im Büro, Schweiß auf der Stirn und diese Mischung aus „geht schon“ und „hoffentlich kippt sie uns nicht gleich um“.

Irgendwann ist der Tag rum, sie kann nicht mehr und fährt heim.

Dienstag ist dann plötzlich Krankheit

Dienstagmorgen hat Beate schlecht geschlafen, Fieber bekommen und weiß jetzt selbst, dass nichts mehr geht.

Sie muss zum Arzt. Nicht vielleicht, nicht nachher, nicht mal schauen, sie muss.

Der Arzt schreibt sie arbeitsunfähig. Statt zwei oder drei Tagen sind es jetzt direkt eine ganze Woche, mit Aussicht auf Verlängerung.

Dazu der Satz, den man in solchen Situationen wirklich gerne hört:

„Kommen Sie das nächste Mal früher.“

Tja, wäre sie gerne.

Nur hatte irgendwer vorher die glorreiche Idee, dass der erste Tag ohne Geld vielleicht ein super Anreiz wäre. Anreiz ist sowieso so ein Wort, bei dem ich inzwischen vorsichtig werde. Wenn Politik oder irgendwelche schlauen Wirtschaftsköpfe „Anreiz“ sagen, meint am Ende meistens jemand: Der kleine Mann soll den Druck spüren, sonst bewegt er sich nicht.

Show must go on

Während Beate daheim liegt und versucht, wieder halbwegs in die Spur zu kommen, läuft in der Firma natürlich alles weiter.

Kevin fühlt sich am Mittwoch irgendwie nicht gut, Claudia merkt am Donnerstag, dass da was im Hals kratzt, und Mike sagt am Freitagmorgen diesen schönen Satz, den alle kennen: „Irgendwie bin ich heute nicht fit.“

Hat uns die bekloppte Beate angesteckt? Ja, könnte sein.

Muss nicht, kann aber. Genau das ist ja das Problem bei Krankheiten. Die fragen nicht vorher höflich, ob gerade ein Karenztag politisch gewünscht ist.

Kevin, Claudia und Mike arbeiten abteilungsübergreifend. Sie kommen mit fast allen in Kontakt. Büro, Lager, Besprechung, Kaffeeautomat, Treppenhaus, kurzer Blick auf Unterlagen, einmal eben was zeigen, schnell noch eine Rückfrage, dann wieder zum nächsten Tisch.

Sie husten, sie schniefen, sie fühlen sich schwach und machen weiter, weil man ja nicht wegen jedem Kratzen im Hals daheim bleibt.

Am Freitag fühlen sich auch Kerstin, Holger und der Typ aus dem externen Unternehmen angeschlagen, der drei Tage da war, um Geräte zu warten.

Der externe Typ fährt am Montag darauf natürlich wieder in seine eigene riesige Firma. Dort hat er jeden Tag Kontakt mit unzähligen Kollegen, Kunden, Abteilungen, Empfang, Werkstatt, Lager und allem, was in so einem Betrieb eben atmet, hustet und Türklinken anfässt.

Vielleicht hat er nur schlecht geschlafen. Vielleicht kommt da was. Vielleicht trägt er gerade das weiter, was irgendwo mit einem gesparten Krankheitstag angefangen hat.

Show must go on, natürlich, denn der erste Tag kostet schließlich Geld. Geld, das an anderer Stelle vom Staat eingesackt wird, weil woken people gerne sehen würden, wie ihre bunte Welt aus Einhörnern finanziert wird.

Ein Tag gespart, Firma angezündet

Da wird es dann spannend.

Der Karenztag soll angeblich Kosten sparen. Die Debatte darüber läuft gerade wieder, weil die Lohnfortzahlung bei Krankheit für Arbeitgeber teuer ist. Die Arbeitgeberseite verweist auf rund 82 Milliarden Euro für krankheitsbedingte Ausfalltage im Jahr 2024 und fordert Änderungen bei der Lohnfortzahlung. Das ist die Position der Arbeitgeberseite.

Kann man lesen und ernst nehmen, weil Kosten nun einmal Kosten sind.

Nur muss man sich eben fragen, ob der erste unbezahlte Krankheitstag wirklich die schlaue Lösung ist, oder ob man damit nicht einfach die Rechnung an einer Stelle kleiner schreibt, während sie an drei anderen Stellen größer wird.

Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin schätzt für 2024 insgesamt 881,5 Millionen Arbeitsunfähigkeitstage, 134 Milliarden Euro Produktionsausfall und 227 Milliarden Euro Ausfall an Bruttowertschöpfung. So steht es bei der BAuA.

Das sind keine kleinen Zahlen, da steht nicht: Beate war Montag nicht da, Problem gelöst.

Da steht im Prinzip: Wenn Menschen ausfallen, wird es teuer. Wenn kranke Menschen weiterarbeiten, Fehler machen, länger krank werden und andere anstecken, wird es vermutlich nicht automatisch billiger, nur weil man den ersten Tag hübsch aus der Lohnfortzahlung gestrichen hat.

Auf dem Papier sieht es natürlich erst mal gut aus. Ein Tag weniger bezahlt. Toll, geile Entscheidung der Regierung, unbedingt wiederwählen! Hurra!

Vielleicht sollte man Brände auch nur noch ab dem zweiten brennenden Zimmer löschen. Das erste Zimmer ist dann Eigenverantwortung.

War da nicht mal was?

Mir fällt da noch etwas ein.

Mussten wir nicht vor ein paar Jahren alle daheim bleiben, weil die Volksgesundheit weltweit angeblich in Gefahr war?

Da wurde erklärt, wie wichtig Abstand ist. Wie gefährlich Ansteckung ist. Wie verantwortungslos es sei, krank irgendwo herumzulaufen. Ganze Existenzen wurden an Regeln, Verbote, Nachweise, Tests und Verordnungen gehängt.

Jetzt soll es plötzlich eine gute Idee sein, kranken Menschen einen finanziellen Tritt in den Hintern zu geben, damit sie am ersten Tag lieber doch in die Firma gehen?

Interessant, sehr interessant sogar.

Ansteckung war also mal so gefährlich, dass man den halben Alltag anhalten konnte. Heute ist Ansteckung offenbar ein kalkulierbares Betriebsrisiko, solange irgendwo ein erster Krankheitstag eingespart werden kann, da kommt man schon ins Grübeln.

Vor allem, wenn man sich daran erinnert, mit welcher angeblichen Genialität dieselbe politische Klasse schon einmal Preise retten wollte. An der Tankstelle sollte der Preis nur noch einmal am Tag erhöht werden dürfen, als wäre die Wirtschaft ein schlecht gelaunter Getränkeautomat, den man mit einem Zettel „bitte heute nicht so teuer“ beruhigen kann.

Das ist die Sorte Lösung, bei der man spürt, dass irgendwo ein Meeting stattgefunden haben muss. Vermutlich mit sehr ernsten Gesichtern, viel Mineralwasser und der festen Überzeugung, dass man den Markt überlistet, wenn man ihm nur ein neues Klingelschild anklebt.

Was will man von Regierungen erwarten, die glauben, wenn man Preiserhöhungen an der Tankstelle einmal am Tag deckelt, rettet man die Wirtschaft?

Oder war das gar keine Dummheit? (Man wird ja noch fragen dürfen, gell? ;-) )

Der kleine Trick mit der Realität

Das Problem an solchen Ideen ist immer dasselbe.

Sie sehen auf dem Papier schlau aus und scheitern dann am Menschen.

Der Mensch hat nämlich keine Excel-Funktion im Rücken, die bei Krankheit automatisch sagt: Tag 1 unbezahlt, bitte Gesundheit bis morgen verschieben.

Der Mensch hat Kinder, Miete, Spritkosten, Schulden, Kühlschrank, kaputte Waschmaschine, Zahnarzttermin, Klassenfahrt, Stromabschlag und manchmal einfach nur Angst, dass am Monatsende wieder mehr Monat als Geld übrig ist.

Wenn man genau diesem Menschen sagt, der erste Krankheitstag kostet dich Geld, dann wird er nicht plötzlich gesünder. Er wird nur später zum Arzt gehen, Medikamente einwerfen, sich durch den Tag schleppen und hoffen, dass es schon irgendwie reicht.

Das ist dann keine Lösung, das ist Kranksein mit Anwesenheitspflicht. Okay, ja, alt werden ist auch doof, Rente und so, bitte passend am letzten Arbeitstag dahinscheiden, vorher ist natürlich der Nachfolger einzuarbeiten, is‘ klar.

Mein Fazit

Der Karenztag klingt für manche vermutlich nach Ordnung. Nach Durchgreifen. Nach endlich mal Schluss mit dem Blaumachen.

In der Realität kann daraus aber genau das werden, was man angeblich verhindern will: längere Ausfälle, mehr Fehler, mehr Ansteckung, mehr Stress und am Ende mehr Kosten.

Ein Tag geht immer? Klar.

Einer mehr, der nicht ins System einzahlt geht immer? Klar.

Einer mehr in der Regierung, der auf die Leistungsträger scheißt? Klar.

Und nebenbei … So schafft man es ganz schnell, dass die Menschen sich länger krankschreiben lassen, damit es sich „lohnt“ …

 

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