Wenn der Strom weg ist, wird der hier wach
Gestern war ich wieder mit der Firma auf Tour, und irgendwo zwischen Arbeit, Technikraum und dem, weshalb wir eigentlich dort waren, stand plötzlich dieses Gerät vor mir.
Manche sehen darin vermutlich einfach einen großen blauen Dieselmotor. Ich sehe acht Zylinderköpfe auf der sichtbaren Seite, weiß, dass auf der anderen noch einmal acht warten, und bin für den Moment mit allem anderen durch ![]()
Beim Beitrag „Technikfreaks müssen so sein“ hatte ich bereits festgestellt, womit man mich in den Kellern großer Gebäude begeistern kann, dagegen wirkte das damalige Aggregat allerdings fast handlich. ![]()
Acht hier, acht auf der anderen Seite
Die wahrscheinlichste Spur führt zu einem mtu 16V4000, sehr wahrscheinlich in der Ausführung G23. Das Heinkel-Schild am Rahmen gehört zum Erbauer der kompletten Anlage, während der eigentliche Dieselmotor von mtu stammt.
Ganz festnageln lässt sich die genaue Variante ohne lesbares Typenschild nicht, doch Bauform, Zylinderanordnung und die bekannten Anlagen dieses Herstellers passen ziemlich eindeutig zusammen.
Bei der sichtbaren Reihe handelt es sich um eine Zylinderbank mit acht einzelnen Zylinderköpfen. Gegenüber sitzt die zweite Bank, womit der Kollege tatsächlich auf 16 Zylinder kommt.
Dazu gehören 76,3 Liter Hubraum.
Nicht 7,6 Liter! – > 76,3!
Da darf ein normaler Automotor kurz in sich gehen ![]()
Leistung für etwas mehr als eine Lampe
Falls es sich, wie vermutet, um den 16V4000 G23 handelt, bewegt sich die Anlage in der Klasse von 2.250 kVA. Bei einem üblichen Leistungsfaktor von 0,8 entspricht das rund 1,8 Megawatt nutzbarer Wirkleistung.
Die genaue Leistung hängt natürlich von Generator, Auslegung und Betriebsart ab, doch wir reden hier eindeutig nicht über ein Gerät, das bei Stromausfall nur ein paar Notleuchten und die Kaffeemaschine am Leben hält.
Bei 50 Hertz läuft ein solcher Generator üblicherweise mit 1.500 Umdrehungen pro Minute. Der Dieselmotor muss dabei nicht gemütlich auf Temperatur kommen, sondern im entscheidenden Moment starten, Drehzahl aufbauen und die vorgesehenen Verbraucher übernehmen.
Die Starterbatterien rechts neben der Anlage stehen dort also nicht zur Dekoration. Sie müssen im Zweifel 76 Liter Hubraum aus dem Schlaf holen.
Sein eigentlicher Job ist herumstehen
Das Seltsame an einer solchen Netzersatzanlage ist, dass sie den größten Teil ihres Lebens möglichst nichts zu tun haben soll.
Sie steht dort, wird gewartet, geprüft und gelegentlich zum Probelauf geweckt. Fällt das öffentliche Netz tatsächlich aus, zählt allerdings kein „müsste eigentlich funktionieren“.
Dann müssen Starterbatterien, Vorwärmung, Kraftstoffversorgung, Kühlung, Lüftung, Abgasanlage, Steuerung und Umschaltung zusammenspielen. Der große Dieselmotor allein sorgt noch lange nicht dafür, dass im Ernstfall auch wirklich Strom ankommt.
Selbst der Kraftstoff ist ein Thema. Während Diesel im Fahrzeug regelmäßig verbraucht wird, kann er in einer Netzersatzanlage über Jahre lagern und wird höchstens durch Probeläufe langsam weniger.
Am Ende können also 16 Zylinder, ein Generator im Megawattbereich und ein kompletter Maschinenraum bereitstehen, während das eigentliche Problem unauffällig im Tank vor sich hin altert.
Technik kann manchmal sehr menschlich sein ![]()
Einfach groß reicht nicht
Je nach Gebäude und Aufgabe gelten unterschiedliche Vorschriften für Sicherheits- und Ersatzstromanlagen. Dabei geht es unter anderem um die Stromquelle, die versorgten Stromkreise, Umschaltzeiten, Leitungsanlagen, Brandschutz und die Unterbringung der Technik.
Hinzu kommen regelmäßige Wartungen und Probeläufe, denn eine Anlage, die jahrelang nur beeindruckend aussieht, ist im entscheidenden Moment ungefähr so hilfreich wie eine Taschenlampe ohne Batterien.
Genau deshalb besteht das Ganze nicht nur aus Motor und Generator. Die mächtigen Luftkanäle, Filter, Rohrleitungen, Batterien und Schaltschränke gehören ebenso dazu.
Andere laufen an so etwas vorbei, ich bleibe stehen, mache Fotos, filme, zähle Zylinderköpfe und lese später technische Unterlagen.
Technikfreaks müssen wohl wirklich so sein ![]()
Bei 16 Zylindern fällt es allerdings auch nicht besonders schwer ![]()
Faktenanker
- mtu Series 4000, Einsatzbereiche und Leistungsbereich
- mtu Übersicht zur Baureihe 4000 und zum 16V4000 G23
- Heinkel Referenzen für Kaufhäuser und Geschäfte
- DIN VDE 0100-560 zu Einrichtungen für Sicherheitszwecke
- BSI zur Lagerfähigkeit von Kraftstoffen in Netzersatzanlagen