Taktvoll? Nicht mit diesen Fahrern!

Zäher Kolonnenverkehr auf nasser Landstraße, ein unruhiger Vordermann zerlegt den Fahrfluss, Bild KI-generiert.Sie zerlegen den Rhythmus

Es gibt Fahrten, da ist gar nicht das langsame Tempo das eigentliche Problem.

Langsam vor mir nervt, klar. Kostet Zeit, kostet Laune und manchmal auch ein paar Minuten Lebensfreude, die morgens ohnehin nicht in Säcken im Kofferraum liegen. Trotzdem kann man sich darauf einstellen, wenn vorne einer konstant langsamer fährt. Dann ist das eben der fahrende Deckel auf dem Topf, man bleibt dahinter und gut ist.

Das eigentliche Elend beginnt da, wo jemand nicht langsam fährt, sondern ohne erkennbaren Rhythmus. Mal 82, mal 96, dann vor einer harmlosen Kurve runter auf 64, danach wieder zäh hoch auf 78, plötzlich kurz Bremse, dann wieder rollen lassen, dann wieder Gas, dann wieder dieses kleine rote Aufleuchten aus dem Nichts. Da fährt keiner einfach nur vor einem her, da zerlegt jemand den kompletten Fahrfluss.

Das ist nicht mitschwimmen. Das ist ein Taktproblem mit Kennzeichen.

Der eigene Fahrfluss ist weg

Ich fahre nicht wie ein Irrer, das hatten wir hier oft genug. Zügig ist nicht rasen, vorsichtig ist nicht verkrampft, und wer eine Straße halbwegs lesen kann, muss nicht jeden Meter behandeln, als hätte der Asphalt gerade eine Drohung ausgesprochen.

Genau diese Nummer hatte ich schon bei Wenn Bremsen zum Prinzip wird. Dieses Gefühl, dass vorne nicht gefahren wird, sondern verwaltet. Jeder Schatten, jede Kurve, jedes Schild wird erstmal innerlich geprüft, freigegeben, wieder verworfen und dann doch irgendwie befahren.

Das kostet nicht nur Zeit. Es zwingt dich in eine Fahrweise, die du selbst gar nicht fahren würdest.

Eigentlich würdest du rollen lassen, sauber Abstand halten, mit dem Verkehr gleiten und das Auto einfach arbeiten lassen. Stattdessen hängst du dauernd auf den Pedalen, weil vorne jemand aus jeder Kleinigkeit ein kleines Fahrmanöver baut. Gas weg, leicht bremsen, wieder rollen, Abstand neu suchen, wieder bremsen, wieder fragen, was da vorne eigentlich los war.

Meist war nichts los. Genau das ist ja der Punkt. Da vorne findet ein innerer Vorgang statt, und leider findet er mit Außenwirkung statt.

Abstand halten wird zum Ratespiel

Besonders nervig wird es beim Abstand. Du willst sauber Abstand halten, bekommst aber keinen stabilen Abstand hin, weil vorne niemand stabil fährt. Der Abstand wächst, dann schrumpft er, dann fällt das Tempo wieder ab, dann zieht es kurz an, dann kommt die nächste Kurve und vorne wird erneut verhandelt, ob diese Straße wirklich benutzt werden darf.

Auf der Landstraße ist das nervig genug. Auf der Autobahn kann es richtig blöd werden, weil dort eben auch Abstandsmessungen stehen. Dann bist im Zweifel du der Depp, weil der Abstand in genau so einer Tempowelle kurz nicht passt. Vorne fährt einer zäh, unruhig und ohne klaren Rhythmus, lässt das Tempo fallen, zieht wieder an, bremst wieder grundlos an, und hinten darfst du zusehen, dass aus dieser Fahrerei nicht dein Problem wird.

Der Fahrer vorne wirkt nach außen sogar brav. Langsam, vorsichtig, vermeintlich regelkonform. Nur bringt sein Mist die ganze Kolonne in Unruhe, während er wahrscheinlich noch denkt, er hätte gerade einen Beitrag zur Verkehrssicherheit geleistet.

Das hat nichts mit normaler Vorsicht zu tun. Jeder bremst mal, jeder verschätzt sich mal, jeder hat mal einen Moment, in dem er lieber etwas Luft lässt. Geschenkt. Es geht um diese dauerhafte Unruhe, bei der man nach wenigen Kilometern merkt, dass da vorne kein Fahrstil läuft, sondern eine Störung im Ablauf.

Die Steckdose sind meine Nerven

Bei E-Autos kommt noch ein eigenes Kapitel dazu.

Rekuperation ist technisch sinnvoll, keine Frage. Das Auto nutzt Bewegungsenergie, verzögert dabei und lädt den Akku wieder ein Stück auf. Weniger Energieverlust, weniger Verschleiß, alles fein. Nur im Verkehr kann genau das zusätzlich nerven, weil diese Verzögerung nicht in jedem Fall so deutlich angezeigt wird, wie man es vom klassischen Bremsen gewohnt ist.

Sauber formuliert: Bei stärkerer Verzögerung muss das Bremslicht angehen. Bei leichter bis mittlerer Verzögerung kann es aber Bereiche geben, in denen ein E-Auto spürbar langsamer wird, ohne dass hinten sofort die volle rote Wahrheit erscheint.

Die laden ihren Akku über kinetische Energie, die Steckdose dazu sind aber gefühlt meine Nerven, weil bei diesem leichten bis mittleren Verzögern eben nicht jedes Bremslicht der Welt anzeigt, dass da vorne quasi der Stopp-Knopf gedrückt wurde.

Das ist dieser unsichtbare Bruch im Fahrfluss. Vorne nimmt die Geschwindigkeit weg, hinten kommt aber nicht zwingend der klassische Hinweis, den man seit Jahrzehnten gelernt hat. Natürlich ist das nicht bei jedem E-Auto gleich, natürlich hängt es von Einstellung, Verzögerung und Technik ab. Genau deshalb ist es ja so schön nervig. Man merkt nur, dass vorne irgendwas passiert, aber das Auto erzählt es einem nicht immer sauber.

Technisch wahrscheinlich alles im Rahmen. Für den Hintermann bleibt es trotzdem eine fahrende Nervensäge mit Akkuanschluss.

30 ist keine Meditation

In 30er-Zonen wird diese Fahrweise dann zur Kunstform.

Da steht 30. Nicht 25, nicht 18, nicht „bitte tasten Sie sich nun in einem persönlichen Reifeprozess durch diese Straße“. Trotzdem wird am Schild erstmal gebremst, als hätte die Zahl gerade aus dem Gebüsch gebellt.

Danach beginnt die Findungsphase. 27 vielleicht, kurz 24, dann wieder 29, lieber doch 26, weil links ein Mülleimer steht und rechts ein Auto parkt. Überraschung, in Ortschaften parken Autos. Ganz verrücktes Konzept, ich weiß.

Manchmal hat man das Gefühl, manche Fahrer brauchen die komplette Zone, um sich überhaupt zu entscheiden, wie sie in einer 30er-Zone fahren wollen. Währenddessen hängt hinter ihnen eine kleine Kolonne aus Menschen, die eigentlich nur irgendwo ankommen wollten und nun gemeinsam an der mobilen Unsicherheit teilnehmen dürfen.

Das Bittere daran ist, dass solche Fahrer sich vermutlich nicht als Problem sehen. Im Gegenteil. Die halten sich für die besonders Vernünftigen, weil sie überall noch ein bisschen langsamer, noch ein bisschen vorsichtiger und noch ein bisschen unentschlossener unterwegs sind.

Nur wird Verkehr dadurch nicht automatisch sicherer. Er wird erstmal unruhiger.

Selbstfahrer-Tag im Kopf

An manchen Tagen wirkt es wie eine Sonderveranstaltung. So ähnlich wie bei Heute ist wieder Selbstfahrer-Tag, nur ohne Streik als Ausrede.

Da fährt plötzlich alles, was eigentlich besser im Bus, im Zug oder auf dem Beifahrersitz aufgehoben wäre. Nicht böse gemeint, aber wer selten fährt, fährt selten flüssig. Das merkt man sofort.

Kreisel werden zur Denkaufgabe, Gegenverkehr zur Bedrohung, ein geparktes Auto zur Lebenskrise und ein Tempowechsel zum kleinen Drama im Innenraum. Besonders hier im Odenwald, auf kurvigen Landstraßen, sieht man das herrlich. Kurve kommt, Bremse. Gegenverkehr kommt, Bremse. Nach der Kurve wird nicht richtig hochgezogen, weil gleich wieder etwas kommen könnte.

Zum Beispiel Straße.

Den Gegenverkehr-Bremser hatte ich ja gerade erst. Das hier ist im Grunde die große Verwandtschaft dazu. Nicht jeder fährt exakt gleich schlimm, aber der Effekt ist derselbe: Hinterherfahren wird nicht mehr zu Verkehr, sondern zu Beobachtung.

Man fährt nicht mehr einfach. Man beobachtet das Heck, die Rücklichter, die Linie, die Geschwindigkeit und die nächste mögliche Sinnkrise im Auto davor. Nach ein paar Kilometern weiß man aus Erfahrung, dass bei dieser Fahrweise jederzeit irgendwas passieren kann, obwohl objektiv meistens gar nichts passiert.

Das macht müde, angespannt und irgendwann auch sauer. Nicht wegen fünf verlorener Minuten, sondern weil man fremde Unsicherheit mitfahren muss.

Der Schwung wird verheizt

Dazu kommt der Verbrauch. Wer ständig eingebremst wird, muss ständig wieder beschleunigen. Der schöne Schwung ist weg, die Bewegung wird zerhackt, und aus gleiten wird arbeiten. Beim Verbrenner ist es Sprit, beim E-Auto Strom, bei mir ist es Geduld.

Alles wird verheizt, nur damit vorne jemand die Straße abschnittsweise neu entdeckt.

Ein konstant langsamer Fahrer ist nervig, aber berechenbar. Ein taktloser Fahrer ist etwas anderes. Da weiß man nie, was als Nächstes kommt. Bremse vor der Kurve, Bremse in der Kurve, Bremse nach der Kurve, Bremse wegen Gegenverkehr, Bremse wegen Schild, Bremse wegen innerem Wetterumschwung.

So wird aus Verkehr kein Fluss mehr, sondern Tropfenbildung.

Langsam fahren kostet Zeit, ohne Kontinuität kostet’s Nerven. Davon habe ich morgens um halb sechs auf dem Weg zur Arbeit nun wirklich keine unbegrenzte Vorratsdose im Handschuhfach liegen. :roll:

Ich finde das taktlos ;-)

 

   

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