Quelle? Beweis? Sonst noch was?

Der Erklärfinger ist schnell oben. Die Zuständigkeit dafür eher nicht. KI-generiertes SymbolbildEine Frage ist noch lange keine Antwortpflicht

In den Kommentaren der Socials lässt sich eine merkwürdige Form der Selbstbeförderung beobachten:

Jemand schreibt etwas, äußert seine Meinung oder schildert schlicht seine Sicht auf ein Thema und schon sitzt ein anderer gefühlt am Richtertisch. Quelle? Beweis? Begründe das mal! Als hätte allein die Tatsache, dass er Zweifel anmeldet, den anderen automatisch in irgendeine Beweispflicht versetzt.

Genau da frage ich mich immer öfter, woher eigentlich dieses Anspruchsdenken kommt. Natürlich darf jeder zweifeln, widersprechen oder eine Aussage für kompletten Unsinn halten. Daraus entsteht aber noch lange kein Anspruch darauf, dass ein wildfremder Mensch nun seine Gedanken, Erfahrungen oder Entscheidungen zur Prüfung vorlegt.

Fragen darf jeder

Wer etwas wissen möchte, kann fragen. Vielleicht bekommt er eine Antwort, vielleicht eine Erklärung, vielleicht sogar Quellen oder Hinweise, mit denen er weiterkommt. Das hängt allerdings auch ein bisschen davon ab, wie gefragt wird und ob der andere überhaupt Lust hat, sich darauf einzulassen oder ob es überhaupt auf fruchtbaren Boden fallen würde. Trollalarm! ;-)

Was daraus nicht entsteht, ist eine Pflicht zur Antwort. Ein hingeworfenes „Beweis?“ macht niemanden zum Prüfer und den anderen nicht zum Prüfling. Wer Zweifel hat, darf nämlich auch selbst recherchieren, und wer eine Meinung nicht nachvollziehen kann, muss sie trotzdem nicht automatisch erklärt bekommen. Das Internet, in dem gerade so begeistert nach Quellen verlangt wird, eignet sich übrigens hervorragend dazu, selbst welche zu suchen. ;-)

Das Problem endet nicht am Bildschirm

Eigentlich ist Social Media nur die besonders gut sichtbare Version davon. Im echten Leben läuft es nicht viel anders. Warum machst Du das so? Warum hast Du das gekauft? Warum gehst Du dort nicht hin? Warum redest Du mit dem nicht mehr? Warum denkst Du darüber so?

Auch hier gilt: Fragen kann jeder. Nur weil jemand etwas wissen möchte, entsteht daraus noch lange keine Verpflichtung, ihm die eigene Entscheidung bis ins letzte Detail zu erklären. Auf rein privater Ebene ist niemand automatisch einem anderen Rechenschaft schuldig, nur weil der gerne welche hätte. Wer niemandem etwas schuldet, keine gemeinsame Verantwortung trägt und keine Verpflichtung übernommen hat, muss auch nicht auf Zuruf einen persönlichen Rechenschaftsbericht abgeben.

Eine Meinung ist kein Antrag

Besonders absurd wird es bei Meinungen. Eine Meinung darf aus Erfahrungen entstanden sein, aus Wissen, Beobachtungen, Bauchgefühl oder schlicht aus den Schlüssen, die jemand für sich gezogen hat. Sie muss nicht erst durch einen fremden Menschen geprüft und freigegeben werden, bevor sie ausgesprochen werden darf.

Natürlich können Tatsachenbehauptungen überprüft werden. Wer konkrete Zahlen, Studien oder angeblich belegte Fakten in eine Diskussion wirft, muss damit rechnen, dass jemand danach fragt. Daraus wird aber keine allgemeine Regel, nach der jeder Satz, jede persönliche Haltung und jede private Entscheidung plötzlich mit Quellenverzeichnis daherkommen muss.

Wer anderer Meinung ist, darf das sein. Wer Zweifel hat, darf sie äußern, einen Anspruch auf Bedienung gibt es trotzdem nicht. Wer mehr wissen möchte, kann selbst suchen oder vernünftig fragen, nur sollte niemand glauben, damit automatisch einen Anspruch auf Antwort oder Erklärung erworben zu haben.

Dieses kleine Missverständnis mit der Rechenschaft

Vielleicht ist genau das der Punkt, der mich daran so nervt. Manche Menschen stellen eine Frage nicht mehr als Frage, sondern als Forderung. Sie erwarten eine Begründung, einen Beweis oder eine Rechtfertigung und wirken anschließend tatsächlich irritiert, wenn der andere keine Lust hat, ihnen diese zu liefern.

Dabei kann die Sache so einfach sein. Etwas lesen oder hören, zustimmen oder widersprechen, darüber nachdenken, selbst nachsehen oder es einfach stehen lassen. Keine dieser Möglichkeiten setzt voraus, dass der andere sich vor einem rechtfertigen muss.

Allem voran muss allerdings überhaupt die Bereitschaft vorhanden sein, eine andere Meinung als solche anzuerkennen. Nicht sie zu übernehmen, nicht sie gutzuheißen, aber wenigstens zu akzeptieren, dass sie existieren darf. Wer dazu schon nicht bereit ist, braucht eigentlich auch keine Diskussion anzufangen.

Wer freundlich und mit echtem Interesse fragt, bekommt von mir meistens auch eine Antwort. Wer allerdings meint, ich wäre ihm auf privater Ebene irgendeine Rechtfertigung schuldig, nur weil er beschlossen hat, eine haben zu wollen, dem scheiße ich im Zweifel was. ;-)

Nicht jede Frage braucht eine Antwort, nicht jeder Zweifel einen Beweis und schon gar nicht braucht jede Meinung die Genehmigung desjenigen, der gerade zufällig danebensteht.

 

 

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