Wenn Gefühle an Metall gehängt werden

Hunderte Liebesschlösser an einer Fußgängerbrücke, bunt, verrostet und voller unbekannter Geschichten.Liebesschlösser und rostige Restlaufzeit?

Manche Orte zeigen sehr deutlich, was Menschen mit Symbolen anstellen, wenn Worte allein offenbar nicht reichen.

In diesem Fall, eine Fußgängerbrücke, vollgehängt mit Liebesschlössern (auf dem Foto sind längst nicht alle …).

Tausendfach befestigte Zuneigung, in Metall gegossen, zugeklappt und mit mehr oder weniger Pathos der Öffentlichkeit übergeben.

Die Idee dahinter ist schnell erzählt

Zwei Menschen bringen ein Schloss an, werfen den Schlüssel weg und erklären ihre Verbindung damit praktisch zur Sache ohne Rückgaberecht. Romantisch gedacht, dauerhaft gemeint, gern mit Herzchen, Datum und eingeritzten Namen, die damals vermutlich sehr sicher klangen.

Und dann steht man davor und denkt unweigerlich weiter

Wie viele dieser Schlösser hängen da noch, obwohl die zugehörige Liebe längst im Neckar schwimmt?
Wie viele Namen lesen sich heute eher wie ein Kapitel, das man lieber nicht noch einmal aufschlägt?
Wie viele dieser eingeklickten Versprechen waren schon beim Zuschnappen eher eine Luftnummer mit Dekoration?

So ein Schloss ist schließlich technisch erst mal nur eine Verbindung aus Metall.
Es hält zu, solange Material, Mechanik und Umgebung mitspielen.
Das ist mehr, als man über manche große Worte sagen kann.

Ein Teil davon dürfte noch aus Zeiten stammen, in denen man gemeinsam Selfies mit schlechtem Handy gemacht hat, statt Beziehungsstatus in fünf Plattformen gleichzeitig zu posten.
Manche Schlösser sind neu, bunt, geschniegelt und bereit für die Ewigkeit, andere haben schon sichtbar Rost angesetzt und sehen eher nach „War wohl mal wichtig“ aus.

Das Schöne und gleichzeitig Schräge daran ist ja, dass hier hunderte Geschichten nebeneinander hängen, ohne Erklärung, ohne Update, ohne Schlusswort.
Nur Name, Datum, vielleicht ein Herz.
Der Rest ist Spekulation.

Die Variablen

Sind die beiden noch zusammen?
War das der Anfang von etwas Großem, oder nur ein sehr öffentlich befestigter Irrtum?
Hat einer inzwischen längst jemand anderen geheiratet, während das Schloss noch tapfer so tut, als wäre 2014 nie zu Ende gegangen?

Und dann kommt noch der technisch reizvolle Gedanke dazu:
Was, wenn jemand den Zweitschlüssel hat?
Oder den Drittschlüssel?
Oder wenn die ewige Verbindung zwar symbolisch verriegelt wurde, aber organisatorisch von Anfang an erstaunlich offen gebaut war? :mrgreen:

Romantik hat eben oft einen Hang zur großen Geste.
Metall verstärkt das nur. Es klackt schön, wirkt verbindlich und macht aus Gefühl kurzzeitig fast schon ein Bauprojekt. Ach ja, ölen nicht vergessen, falls man das Ding noch mal öffnen möchte, weil es jemand anderes braucht, der Spind auf der Arbeit zum Beispiel …

Am Ende bleibt genau das, was solche Orte interessant macht.
Nicht das Schloss selbst. Nicht das Herzchen. Nicht der Name in krakeliger Gravur.
Spannend ist das, was nicht dabeisteht.

Was aus den Menschen wurde.
Was gehalten hat.
Was gebrochen ist.
Und was heute nur noch als kleine rostige Erinnerung an einem Gitter hängt, während das Leben der Beteiligten längst ganz woanders weitergelaufen ist.

Romantisch ist das schon

Aber eben auch mit einem leichten Beigeschmack von Materialermüdung. ;-)

 


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2 Kommentare zu „Wenn Gefühle an Metall gehängt werden

  1. Ich finde das schrecklich und es ist eine Art – romantisches – Rowdytum. Den Kommunen entstehen enorme Kosten, die Dinger immer wieder abzumachen (hier bei uns zumindest geschieht das regelmäszig), ansonsten können die ganzen Felderunter der Last herausbrechen, damit entsteht akute Unfallgefahr. Wenn erst ein Kind von der Brücke stürzt, ist das nicht mehr romantisch und vielleicht ist es ja das Kind von einem Paar, das sein Schlosz da verewigt hat – – –
    Doch, ich hab auch eine romantische Ader…aber ich sag jetzt nur: bitte Leute, werdet mal bissel kreativ und laszt Euch andre Rituale einfallen, um Eure Liebe festzuschmieden!
    Wie wärs denn mal mit Handschellen, die Euch für ewig aneinander binden ;)
    LG Mascha

  2. Pingback: In Fürth hängt die Liebe etwas sparsamer ► Der Desasterkreis

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