Eine Currywurst mit ziemlich viel Geschichte
Wir waren in der vergangenen Woche ja für die Firma in Hamburg unterwegs. Mein Kollege kannte die Gegend bereits etwas besser und hatte die gute Idee, in der Haifischbar eine Currywurst zu essen.
Haifischbar klang interessant, Currywurst sowieso, also musste man mich nicht lange überreden ![]()
Dass die Wurst zwar wirklich toll war, am Ende aber trotzdem nur einen Teil dessen ausmachte, was von diesem Besuch hängen blieb, wurde allerdings schon beim Betreten des Ladens ziemlich deutlich.
Direkt von der Arbeit an den Tresen
Wir kamen direkt von der Arbeit und sahen entsprechend aus, was in der Haifischbar allerdings weder besonders auffiel noch irgendeine Rolle spielte.
Dieser Laden wirkte einfach nicht wie ein Ort, an dem erst geprüft wurde, ob Kleidung, Auftreten und Getränk zum gewünschten Gesamtbild passten.
Wir gingen hinein, setzten uns hin und schauten uns erst einmal um.
Wobei „umschauen“ fast schon zu harmlos klang. An den Wänden, unter der Decke und eigentlich überall hingen Schiffsmodelle, Netze, Rettungsringe, Lampen, Bilder, Mützen und unzählige andere Dinge. Irgendwie wurde sofort klar, dass sie nicht irgendwann gesammelt bestellt worden waren, weil ein Innenausstatter gerade maritime Wochen gehabt hatte.
Die Haifischbar war nicht auf alt gemacht, sie war einfach alt geworden, und zwar, ohne sich zwischendurch für irgendeinen modernen Trend komplett verbogen zu haben.
Ruhrpott im Kopf, Hamburg auf dem Teller
Als Ruhrpöttler verstehe ich unter Currywurst zwar etwas anderes, bei uns kommt sie normalerweise geschnitten auf den Teller und auch die Sauce geht eher in eine andere Richtung, doch das bedeutet ja nicht automatisch, dass alles andere schlecht sein muss.
Die Hamburger Variante kam am Stück, mit Pommes und einem kleinen Salat daneben, war anders als das, was ich aus meiner alten Heimat kenne. Trotzdem richtig toll und ganz sicher kein Grund, aus einer Wurstfrage einen Glaubenskrieg zu machen ![]()
Mein Kollege hatte mit seiner Idee also schon beim Essen alles richtig gemacht, nur konnte er vermutlich selbst nicht ahnen, dass mich der Rest des Ladens noch deutlich mehr beschäftigen würde.
Der Mann hinter der Theke
Seinen Namen habe ich leider vergessen, was mich im Nachhinein wirklich ärgert, denn seine Art, seine Geschichten und sein trockener Ton passten so gut zu diesem Laden, als hätte man beides niemals voneinander trennen können.
Er war freundlich, direkt, herrlich ungekünstelt und einfach ein absolut klasse „Mann hinter der Theke“, bei dem man nicht das Gefühl hatte, dass er Besuchern ein einstudiertes Programm erzählte, sondern dass er selbst ein Teil dieser ganzen Geschichte war.
Von ihm kam auch der Satz, der die Haifischbar eigentlich besser beschreibt als jede Hochglanzbroschüre:
„Hier ist seit über 70 Jahren kein Nagel verändert worden.“
Natürlich wird in all den Jahrzehnten repariert, erhalten und hier und da etwas erneuert worden sein, der Sinn hinter seiner Aussage war trotzdem sofort klar, denn in diesem Laden wurde nichts einmal komplett entkernt, glattgezogen und anschließend mit künstlichem Altholz wieder auf Tradition getrimmt.
Seit 1947 ohne neue Rolle
Die Haifischbar gibt es seit 1947, und laut eigener Darstellung wurden der bauliche Charme und die maritime Einrichtung im Kern erhalten, was man dem Laden nicht nur ansieht, sondern beinahe schon an jeder Ecke abnimmt.
Manche der Stücke sollen von Seeleuten und Fischern stammen, die ihre Zeche nicht mehr bezahlen konnten und stattdessen Schiffsmodelle, Rettungsringe, Bilder oder andere Erinnerungsstücke zurückließen, wodurch aus offenen Rechnungen irgendwann Teile der Einrichtung wurden.
Vermutlich gibt es schlechtere Wege, seine Schulden zu begleichen, auch wenn heute wohl kaum noch jemand mit einem Haifischgebiss unter dem Arm zum Bezahlen antreten dürfte.
Fernsehgeschichte aus der Haifischbar
Auch im Fernsehen spielte der Name eine große Rolle, denn von 1962 bis 1979 lief die Unterhaltungssendung „Haifischbar“, in der unter anderem Heidi Kabel, Freddy Quinn, Henry Vahl und Lale Andersen zu sehen waren.
Wie uns vor Ort erzählt wurde, entstanden die Anfänge der Sendung noch direkt in der echten Haifischbar, bevor der Laden später für die weiteren Aufnahmen im Studio nachgebaut wurde, was angesichts der Größe vermutlich irgendwann die einzige Möglichkeit war, Kameras, Beleuchtung, Gäste und Musiker unterzubringen, ohne den Weg zum Tresen vollständig zu versperren.
Bekannte Namen zwischen den Stammgästen
Auch abseits der Fernsehsendung fanden einige bekannte Namen ihren Weg in die echte Haifischbar, unter anderem sollen Heidi Kabel, Götz George und Jan Fedder dort zu Gast gewesen sein, woran bis heute Fotos und Erinnerungen im Laden erinnern.
Gerade Jan Fedder kann man sich an diesem Tresen allerdings so problemlos vorstellen, dass er vermutlich weniger aufgefallen sein dürfte als wir beide in unseren Arbeitsklamotten.
Ein ausführliches Porträt über die Haifischbar erzählt noch einige dieser Geschichten, wobei selbst ein langer Text vermutlich nur einen kleinen Teil dessen erfassen kann, was sich in einer Kneipe seit 1947 angesammelt hat.
Der blinde Herrmann am Akkordeon
Zu den Menschen, die mit der Geschichte der Haifischbar verbunden sind, gehörte auch der blinde Herrmann, der Akkordeon spielte und dabei offenbar eine ganz eigene Form der musikalischen Beschleunigung entwickelt hatte.
Nebenbei, je mehr er trank, desto schneller soll er gespielt haben ![]()
Andere verlieren mit steigendem Pegel irgendwann Takt und Orientierung, Herrmann erhöhte offenbar einfach die Geschwindigkeit, was vermutlich nicht nur musikalisch für interessante Abende gesorgt haben dürfte.
Solche Geschichten kann man nicht planen, nachbauen oder als Erlebnisbaustein buchen, sie passieren über viele Jahre hinweg, werden weitererzählt und gehören irgendwann genauso zum Laden wie die alten Schiffe, Bilder und Netze.
Mehr als nur eine Currywurst
Eigentlich wollten wir nur etwas essen, bekamen dann aber nicht nur eine wirklich gute Currywurst, sondern auch einen klasse Mann hinter der Theke, einen vollen Fotospeicher und einen Ort, der mehr Charakter besitzt als so mancher komplett durchgestylte Laden, der sich diesen erst mühsam auf die Speisekarte schreiben muss.
Die Currywurst war toll, die Haifischbar blieb im Kopf, und nach über 70 Jahren ohne veränderten Nagel dürfte genau das wohl die passendere Auszeichnung sein.
Ich denke, ich muss da noch mal hin!