Der Spießrutenlauf

einkaufswagen_modellDie Situation

Samstag Vormittag, Lebensmitteleinkauf in einem der üblichen Supermärkte. Es ist voll! Menschen mit Hunger und Durst wollen ihre Bedürfnisse erfüllen, sie brauchen Nahrung und Klopapier. Meine Wenigkeit ist dabei und begleitet die Gattin. Ich trage jedoch ein beschämendes Geheimnis mit mir herum. Es ist nicht mehr zu ignorieren, stärker und stärker wird die Qual. Dachte ich bis vor ein paar Minuten noch, ich könnte damit leben, ist es jetzt in der Getränkeabteilung vorbei. Im Angesicht der Wasserflaschen und Colakisten wird es schlimme Gewissheit: Ich muss auf’s Klo!

Stelle Dich der Wahrheit!

Das ist kein dunkles Geheimnis? Doch! Und zwar genau dann, wenn man gegen den gut gemeinten Rat der Ehefrau, kurz vor dem Aufbruch, noch einen Kübel Kaffee in sich hineingepumpt hat und dabei so etwas dummes wie, „ich bin doch kein windeltragendes Kleinkind„, geschwätzt hat. Dann ja. Jedenfalls, wenn man noch so etwas wie einen Rest Würde bewahren möchte.

Wie immer löst man so etwas ja souverän, schlendert extrem lässig zur Frau und flüstert in verschwörerischem Tonfall: „Soll ich schon mal das Auto aufmachen? Ich geh‘ dann vor…“ Nicht ganz so flüsternd, leicht sarkastisch kommt zurück: „Schau an, doch der Kaffee…“ „Ja zum Geier, der Kaffee, die Blase und der komplette Rest des verkackten Universums – ICH MUSS!“ Jetzt ist es raus, verlacht oder verstoßt mich, mir egal, nur weg!

Die Toilette ist am Eingang, dort muss ich hin. Der nächste Schreck! Da ist genau eine einzige. Die wird doch nicht besetzt sein? Was ist, wenn noch jemand anderes so unverfroren wäre? Überhaupt, was für Penner bei der Planung! Ein Klo für zig Leute! Spontan erscheint vor meinem inneren Auge eine Szene aus dem Film „Das Boot“, in dem fällt sinngemäß der Satz: „Ein Klo für 50 Mann. Mehr Platz zum Fressen, weniger zum Scheißen. Auch ’ne Logik, oder?“ Wie wahr, wie realistisch.

Der Ausbruch

Ich trete den rettenden Weg an. Erst locker, unauffällig. Sieht man ihn mir an, den etwas peinlichen Drang, in eine sanitäre Welt zu flüchten? Nach ein paar Metern merke ich, dass es Zeit ist, alle Vorsicht fallen zu lassen. Ich werde immer schneller. Zunächst noch einzeln wahrgenommen Flaschen und Packungen ziehen immer schneller an mir vorbei, bald sind sie nur noch farbige Bänder. Käse, Karotten und Kondome, meine Fresse, wie lang ist der Hauptgang denn? Dann sehe ich sie: Die Kasse! Nur noch dort vorbei, dann wenige Schritte links und die Erlösung kann eintreten. Wenn da nicht die Schlangen wären! Die Schar der Zahlungswilligen, die nur darauf aus sind, das erbeutete Gut in die eigenen Behausungen zu tragen. Da komm ich nie durch. Aber da, dort hinter der rechten Kasse, eine Rettungsgasse! Ein kleiner Seitenweg ohne Barriere oder Wachturm. Einmal noch die Haltung bewahren, um mit Würde an den Menschenmassen vorbei, in die Freiheit zu gelangen.

Das Spalier

Ich komme auf Armlänge an das Ende der Kassenschlange heran. Sie schauen misstrauisch, ich kann die Angst spüren, die Kampfbereitschaft, weil sie sicher sind, ich will mich vordrängeln. Vielleicht haben sie auch schon erlebt, dass man ihnen den letzten Artikel vom Band reißt, weil sonst alles vergriffen ist? Man erkennt auf einen Blick die Profis! Sofort checken sie, dass ich keinen Korb oder Wagen habe, nichts reklamieren will und nur an den Reihen vorbei, nicht hindurch muss. Eine leichte Entspannung setzt ein.

Nun geht es direkt an der Kassiererin vorbei. DER mache ich nichts vor, da bin ich mir sicher. Was wird sie denken? Ich habe keine Ware und muss nichts bezahlen, wird sie das aber auch so sehen? Welchem Verdacht setze ich mich da aus? Wie soll ich denn auch meine Unschuld beweisen? Soll ich im Konfrontationsfall zugeben, auf’s Klo zu wollen? Vielleicht gar zugeben, dass meine Frau das alles vorher hat kommen sehen? Nein, soweit werde ich nicht gehen. Ehe ich das eingestehe, kämpfe ich lieber! Müsste ich ohnehin, zum flüchten bin ich wahrscheinlich zu fett.

Noch zwei Meter, noch einer – Blickkontakt! Ich fürchte, mir steht die Schuld in’s Gesicht geschrieben. Alle starren! Kunden, Kassierer und Kollegen, selbst die aus der Bäckerei im Vorraum, alle! Die Herrscherin der Scannerkasse bewegt die Lippen, SIE wird mich ansprechen. Jetzt gleich wird etwas geschehen! Lange darf das nicht dauern, sonst muss ich unter mir wischen, das garantiere ICH. „Auf Wiedersehen„, sagt sie, und dreht sich weg. Mehr nicht, das war alles. Was stimmt denn mit der nicht? Was mache ich jetzt mit dem Adrenalin? Egal, vielleicht brauche ich das ja gleich noch, da steht nämlich jemand vor der Toilettentür!

Endgame

Ich bin da, der Gipfel ist so gut wie erreicht. Zwei ältere Damen stehen plaudernd vor der WC-Tür. So geht das aber nicht. Eigentlich würde ich die Omis jetzt gerne einfach hochheben und umstellen, ein letzter Rest Zivilisation sollte aber auch in dieser Situation noch in mir zu finden sein. Höflich, unter leichter Schnappatmung keuchend frage ich: „Wollen Sie da rein oder darf ich durch?“ Die kleinere von den beiden mustert mich von unten nach oben und fragt mit einer Stimme, die eine Kettensäge echt neidisch machen könnte: „Wieso? Haben sie es eilig?

Was soll ich denn jetzt entgegnen? Was meint die denn, warum ich da rein will? Glaubt die wirklich, ich habe einen Klo-Fetisch der nur bei Frischfleisch und Blumenkohl aktiv wird? Ist der Frau wirklich nicht klar, dass Menschen in extremer Existenznot zu allem fähig sind und sie einen Kinnhaken riskieren könnte? Es ist keine Zeit mehr. Ich grinse verkrampft, denke, dass sie besser wegginge, wenn sie nicht samt Tür mit rein will, zwänge mich an ihr vorbei und betätige den Türdrücker. FREI! Tür auf, rein und NASE ZU!

Meine Fresse, stinkt das! Hier drin ist Satan persönlich verreckt und verwest gerade. So kann doch keiner stinken, unmöglich. Welche Nahrung hat mein Vorgänger denn verarbeitet? Es kann auf der Erde nichts mit solcher Wirkung geben, was ein Lebewesen verdauen kann und es überlebt. Keine Lüftung der Welt kann gegen dunkle Mächte anstinken, das ist nichts menschliches.

Stark sein heißt das Motto, jetzt oder nie. Blöder Reisverschluss, blöder…

Endlich freie Bahn – Erleichterung!

Nach dem Armageddon

Deutlich entspannter komme ich wieder heraus. Die Damen stehen noch da, wirken nun auch nicht mehr so bedrohlich, wie noch vor einigen Minuten. Die Umwelt erscheint wieder mit Ton und in Farbe, ich warte auf meine Frau. Nicht lange und sie kommt mir mit dem Einkaufswagen entgegen. Nur noch zum Parkplatz, dann haben wir’s. Kurze Frage von ihr: „Wolltest Du nicht zum Auto?“ Ich entgegne nur beiläufig: „Ja, ich war nur noch auf der Toilette.“ „Ah ja„, sagt sie, wir gehen weiter.

Alles läuft wie gewohnt, nur der Tonfall der letzten beiden Worte, der macht mich ein wenig klein und hässlich.

 

 

 

 

 

 

 

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